Das Buch von Alexander Kluge
Das Buch von Alexander Kluge hat ein klares Ziel: Er will seinen Kolleginnen und Kollegen aus der Medizin sagen, was vom tierischen Magnetismus als Heilmittel zu halten ist.
Formuliert man es in eine heutige und etwas saloppen Ausdrucksweise um, könnte man es so sagen:
Kluge will aufzeigen, was es mit der Hypnose auf sich hat.
Kluge erledigt diese Aufgabe in einer bewundernswerten Art und Weise. Er scheut keine Anstrengung, sondern schaut sich bei den empirisch fundierten Arbeiten zur Hypnose um - bei Arbeiten, die in deutscher, in französischer, in englischer und sogar auch in holländischer Sprache erschienen sind.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Wer wissen will, was anfangs des neunzehnten Jahrhunderts über die Hypnose bekannt war, greift mit Vorteil auf dieses mehr als 600 Seiten umfassende und topseriöse Werk zurück!
Carl Alexander Ferdinand Kluge
Der Heilkunde Doctor
Versuch der Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel.
Berlin bei Salfeld 1811
archive.org. bZugang 26 6 2026
Alfred Binet und das Unbewusste
Den Leuten, die in der Pädagogik und Psychologie tätig sind, ist Binet bestens bekannt. Ihm ist es, kurz gesagt, zu verdanken, dass wir Intelligenztests haben und vom IQ sprechen.
Doch es gibt auch einen anderen Binet. Dieser hat sich nicht mit dem IQ und seiner Messung herumgeschlagen, sondern mit dem Unbewussten.
Mit einem höchst raffiniertem Untersuchungsdesign gelingt es ihm zu zeigen, wie unbewusste Prozesse wirken und wie sie mit bewussten Vorgängen verbunden sind.
Wer sich für das Unbewusste und auch für die Hypnose interessiert, kommt nicht umhin, einen Blick in dieses Buch zu werfen - Sigmund Freud und sein Werk in allen Ehren: Auch Alfred Binet hst es verdient, dass man ihn, wenn es um unbewusste Prozesse geht, absolut ernst nimmt .
Wobei dieser Hinweis einen konkreten Hintergrund hat: Fragt man über die deutschsprachigen Seiten von Wikipedia nach Alfred Binet, erkennt man es schnell: Binets Buch ,On double consciousness' wird nirgends erwähnt. Und nicht viel besser sieht es bei einer KI-unterstützten Recherche aus. Da wird Binet auf dein Wirken im Zusammenhang mit dem Intelligenztest reduziert.
William Carpenter: ein Verriss
William Carpenter: Mesmerism, Spiritualism &c. 1877.
Man kann es drehen und wenden wie man will: Dies ist ein astreine Verriss.
Carpenter erklärt, was vom Mesmerismus, vom Spiritualismus und von all den merkwürdigen Phämomenen zu halten ist, die man bei Menschen in Hypnose beobachtet hat.
Was davon zu halten ist, lässt sich in einem Wort zusammenfassen:
Nichts.
Denn Carptener ist der Meinung, dass es all die merkwürdigen Phänomene - wie etwa das Lesen durch undurchsichtige Materialien - gar nicht gibt. Was da an diesen und ähnlichen Phänomenen beobachtet worden ist, beruht auf Betrug und Tricksereien.
(Oder auf der Tatsache, dass renommierte Wissenschafter ihren Verstand im Schrank deponierten, als sie sich mit diesen Phänomenen beschäftigten. Hätten sie dies unterlassen, wäre ihnen sofort klar geworden, dass das alles nur Humbug sein konnte - meint Carpenter).
Das Buch ist ein Leckerbissen für jene Leute, die sich mit der Frage beschäftigen, wann in der Wissenschaft Fakten als ,wahr' angesehen werden dürfen - und wann eben nicht.
Und ebenso ist es ein Leckerbissen für Leute, die sich mit dem herumschlagen, was man in der Psychologie die ,Replikationskrise' nennt.
Für alle, die sich ob dieser Krise die Haare raufen, ist das Buch ein kleiner Trost.
Eine solche Replikationskrise gab es nämlich schon zur Zeit von Carpenter.
Im Rahmen eines Experimentes waren Versuchspersonen beispielsweise fähig, Dinge zu lesen, die hinter einem Karton verborgen waren. Doch unter den strengen Blicken der Fachleute wollte dies den Versuchspersonen partout nicht mehr gelingen ..
James Esdaile: schmerzfreie Operationen in Hypnose
James Esdaile
Mesmerism in India and its Practical Application in Sugery and Medicine,
London Longman, Brown, Green, and Longmans, 1846
'Mein lieber Vater, wie neu und eigenartig dir das Thema dieses Buches auch erscheinen mag - ich bin mir sicher, dass es dir Freude bereiten wird, wenn du erfährst, dass ich ein neues und wirkungsvolles Mittel eingeführt und - wie ich hoffe, auch etabliert - habe, welches menschliches Leid zu mildern vermag."
Mit diesen Worten beginnt eines der faszinierendsten Bücher, die sich mit der Hypnose beschäftigen - es ist der Bericht eines britischen Chirurgen, der in Indien die Hypnose einsetzte, um schmerzfreie Operationen zu ermöglichen.
Esdaile ist deshalb so wichtig, weil sich um die praktische Anwendung der Hypnose kümmerte: Er zeigte, dass Hypnose in der Tat ein wirksames Mittel ist, um Schmerzfreiheit zu erzielen.
Mit seinen Operationen leistete Esdaile Pionierarbeit - und dass er trotzdem häufig übersehen wird, hat auch mit einem Zufall zu tun: Zu der Zeit, zu der Esdaile operierte, wurde man auf das Chloroform aufmerksam: Dieses wurde als schmerzlindernes Mittel entdeckt und trat seinen Siegeszug in der Medizin an.
Das Buch von William Gregory: wohltuend unaufgeregt
Gregory geht aus von all den verschiedenen und so merkwürdigen Phänomenen aus, die seine Kollegen im Bereich der Hypnose und der Suggestion gemacht haben - so etwa der Beobachtung, dass Menschen andere Menschen beeinflussen und bei ihnen auch körperliche Änderungen herbeiführen können. Oder der Beobachtung , dass auch Metalle Menschen markant zu beeinflussen vermögen.
Dabei orientiert sich Gregory an den Fakten: Er ist der Meinung, dass weiterhin solide Fakten zu all den merkwürdigen Phänomenen gesammelt werden müssen.
Und er plädiert für eine wohltuende Bescheidenheit. Zu der Zeit, zu der das Buch erschienen ist (nämlich 1884), kann man nach der Meinung von Gregorynicht behaupten, dass man den grossen Überblick hat: Eine umfassende Theorie und damit auch eine bündige Erklärung für all die Phänomene liegt nach der Meinung von Gregory noch nicht vor.
Damit ist für Gregory klar, wie es weitergehen muss: Es geht darum, weiterhin Fakten zu sammeln und zu dokumentieren - bis die Wissenschaft später einmal so weit entwickelt ist, dass sie einen theoretischen Überbau zu liefern vermag, der die Erklärung der Phänomene ermöglicht.
Das Buch ist vor fast 150 Jahren geschrieben worden. Entscheiden Sie selbst, ob unterdessen eine solche Theorie aufgetaucht ist ...
Gregory, William: Animal Magnetism: or, Mesmerism and its Phenomena.
Third edition, 1884.
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