DURCH WÄNDE SEHEN 

ODER DURCH ANDERE DINGE ...

 

Noch nicht allzu lange ist es her, da erschien in der Neuen Zürcher Zeitung NZZ ein Artikel über einen Mann mit dem Namen Georg Rieder

Dieser Georg Rieder fiel auf. Er war nämlich imstande, durch Wände zu sehen  - und zwar mit blossem Auge und ohne jedes technische Gerät.

In jungen Jahren setzte er diese Fähigkeit ein, um einen Blick in die Wohnung seiner Nachbarn zu werfen. Später dann fand er ein weit sinnvolleres Betätigungsfeld: Er schaute in die Körper kranker Menschen hinein und unterstützte damit einen Arzt, mit dem er zusammen in einer Praxis arbeitete.

Georg Rieder erregte beträchtliches Aufsehen. Darob ging ein Punkt fast ein wenig vergessen: Dass Menschen durch Wände oder in die Körper anderer Menschen sehen können  - das ist nicht neu.

 

Darüber gibt es denn auch viele Berichte aus früheren Zeiten, und ohne jeden Abspruch auf Vollständigkeit sehen wir uns einige von ihnen an.

Tatsächlich hat es schon früh Berichte von Leuten gegeben, von denen man den Eindruck hatte, dass sie durch Wände sehen können.

Um das 19. Jahrhundert herum oder sogar noch früher untersuchten Wissenschafter das Phänomen. Ganz ohne Probleme verlief dies nicht. Es stellte sich ein ganzes Bündel kniffliger Fragen.

Zum Beispiel stand die Frage im Raum, ob es tatsächlich zutrifft, dass Menschen durch Wände sehen. Darüber wurde heftig gestritten.

Oder zum Beispiel die Frage, was wir meinen, wenn wir behaupten, dass Menschen durch Wände sehen können - handelt es sich um jenes Sehen, wie es zur Anwendung kommt, wenn wir etwa ein Auto auf der Straße vorbeifahren sehen? Oder ist es eine andere Form des Sehens? Oder ist es am Ende gar kein Sehen, sondern eine ganz andere Form der Wahrnehmung?

Und wie ist es mit dem Sehen mittels der Fingerspitzen? Oder des Bauches? Ist dies ein Sehen - oder auch hier eine spezielle Wahrnehmungsform?

 

Und um die Sache noch etwas komplizierter zu machen:

Und wie ist es mit jenen Leuten, die gar nicht darauf angewiesen sind, durch Wände zu sehen, wenn sie etwas erkennen wollen, das den gewöhnlichen Leuten verborgen bleibt?

Diese Menschen sollten z B erkennen, was sich in einem ihnen unbekannten Zimmer befindet. Doch das tun sie nicht, indem sie durch die Wände dieses Zimmers blicken. Sie tun es, indem sie sich geistig auf eine Reise in das Zimmer begeben und sich dort im Geiste umschauen.

 

 

 

Manchmal ist es gar nicht notwendig, durch die Wände zu sehen: ein Fallbeispiel

 

Es war etwas schwierig gewesen, den Mann in Hypnose zu versetzen. Als es dann aber doch gelungen war, spielte sich folgende Szene ab:

In ihrem Geiste betrat die hypnotisierte Person die Wohnung des Hypnotiseurs. In ihrem normalen Leben war er noch nie dort gewesen.

Ein anwender Advokat wünschte sich, mit ihr während der Hypnose in Verbindung zu treten. Dieser bat sie, das Haus des Advokaten zu beschreiben.

Die Versuchsperson war noch nie in diesem Haus gewesen. Es entspann sich folgender Dialog:

“Möchten Sie mein Haus sehen und es mir beschreiben?”

Der Hypnotisierte antwortete:

“Das will ich gerne. Ich bin nun dort. Ich trete durch die Türe ein.”

Dann beschrieb sie die Anordnung der Zimmer im Erdgeschoss. Der Advokat hörte und zu und bat sie dann, die Treppe im Haus hinauszusteigen und den ersten Stock zu beschreiben.

Sie nahm dann den Advokaten auf einen geistigen Rundgang durch den ersten Stock mit und beschrieb dem Advokaten alles, was sie auf diesem Rundgang sah.

 

Der Advokat bestätigte, das salles von ihr richtig gesehen worden war – bis auf ein Detail: Die Versuchsperson hatte gesagt, dass sich eine Flasche auf dem Arbeitsplatz des Advokaten befand. Das sber war nach dessen Aussage falsch.

“An meinem Arbeitsplatz steht keine Flasche”, meinte der Advokat.

Die Versuchsperson war erstaunt:

“Sie sagen, dass es keine Flasche hat. Sie täuschen sich. Ich bin mir sicher, dass die Flasche dort ist: ich sehe sie sehr gut. Schauen Sie doch selbst, sie ist an jenem Ort, an dem Sie schreiben. Sie sehen Sie nicht? Das ist erstaunlich, denn sie ist nun wirklich genug gross”

 

Beide Parteien beharrten auf ihrer Meinung. Die Versuchsperson war davon überzeugt, dass eine Flasche auf der Arbeitsflüche stand; der Advokat verneinte dies energisch. Schliesslich kam jemand auf die Idee, dass es nützlich sein könnte, dem Haus des Advokaten einen Besuch abzustatten; dann würde sich zeigen, wer recht hatte und wer nicht.

Das wurde getan. Der Besuch im Haus des Advokaten endete in einer Überraschung: Die Flasche stand tatsächlich auf dem Arbeitsplatz des Advokaten. Dieser musste kleinlaut eingestehen, dass er sich getäuscht hatte: Er hatte am Morgen die Flasche gebraucht und sie in sein Arbeitszimmer geholt. Dort hatte er sie auf seinem Pult stehenlassen - doch da spielte ihm sein Gedächtnis einen Streich: Dass er sie dort hatte stehen lassen, hatte er tatsächlich vergessen.

Solche Gedächtnistäuschungen kommen vor und sind nicht ganz selten. Wichtig in unserem Zusammenhang aber ist dies: Calixte Renaux hatte es nicht notwendig, durch irgendwelche Wände zu sehen. Er machte sich die Sache viel einfacher. Er blickte nicht durch die Wände, sondern er begab sich geistig in die Wohnung des Advokaten und schaute sich dort um.

Quelle:

Journal de magnètisme-animal, publié sous la diréction de M. J. J. A. Ricard, November 1859

Le somnambule Calixte Renaux.

Z  9. 1. 2025

archive.org   s5id11854670.pdf

S. 20   

 

Kam Calixte über das Gedankenlesen zu seinen Einsichten'

 

Kaum.

 

Warum kann Calixte Renaux sagen, wie es in einer Wohnung aussieht, in der er noch nie gewesen ist?

Eine Erklärung lautet, dass er im Geiste die Wohnung betreten und sich dort umgeschaut hat.

Es gibt jedoch eine andere Erklärung. Sie lautet, dass Calixte  in den Kopf des  Advokaten gegangen ist. der die Wohnung kennt und dass er dort dieses Wissen  gleichsam anzapft hat - was dann darauf hinausläuft, dass er die Gedanken des Advokaten gelesen hat - ein Fall von Gedankenlesen also.

Gedankenles wurden häufig als Erklärung angeboten und diskutiert. Hier allerdings dürfte Gedankenlesen bei Calixte Renaux kaum als Erklärung taugen - hätte Calixte Renaux die Gedanken des Advokaten angezapft, wäre er ebenfalls auf die  Idee gekommen, dass sich keine Flasche auf dem Pult befand.

Das bedeutet übrigens nicht, dass es kein Gedankenlesen gibt. Es bedeutet bloss, dass es in diesem Falle keine Rolle gespielt hat. Darüber, ob es Gedankenlesen an und für sich gibt, sagt es nichts, aber auch gar nichts aus. 

 

 

 

Ein höchst interessanter Fehler und ein höchst interessanter Doppelblindversuch

 

Früher gab es Taschenuhren.

Sie hatten einen Deckel. Schloss man diesen diesen Deckel., blieb der Blick auf das Zifferblatt unmöglich.

Es sei denn, man sei in der Lage, durch den Deckel aufs Zifferblatt zu sehen.

Da gab es eine Person, bei der die Wissenschafter überprüften, ob sie tatsächlich in der Lage war, durch den Deckel zu sehen.

Die Wissenschafter gingen wie folgt vor.