Was sind Suggestionen und warum wirken sie?

 

Es gab einen Punkt, der die Wissenschafter immer wieder verblüffte:

Sie konnten ihre Versuchspersonen beeinflussen - und zwar einzig und allein beeinflussen, indem sie mit ihnen sprachen.

Sie mussten keine Medikamente verabreichen, damit die Versuchspersonen schmerzfrei blieben. Es genügte, dass sie den Versuchspersonen sagten, dass sie schmerzfrei seien - und das waren sie denn auch.

Es war auch nicht notwendig, den Versuchspersonen mit glühend heissen Gegenständen Brandwunden beizufügen, damit sich Blasen bildeten. Es genügte, ihnen zu sagen, dass sie mit einem glühenden Gegenstand berührt worden seien - und schon bildeten sich Brandwunden. 

Die Sprachform, die man dazu verwendete, wurde als Suggestion bezeichnet - man suggerierte den Versuchspersonen also zum Beispiel, dass sie Verbrennungen erleiden würden.

 

 

Warum wirken Suggestionen?

 

Schaut man sich alte Bücher und Zeitschriften an, findet man verschiedene Erklärungen dafür, warum Suggestionen wirken.

 

 

1

Suggestion als eine Kraft

 

Diese Erklärung setzt hier an:

Von der Person, die etwas suggeriert, geht eine Kraft aus. Und es ist diese Kraft, die dazu führt, dass Suggestionswirkungen eintreten.

Diese Kraft speist sich aus dem Willen der Person, die etwas suggeriert.

Dabei gilt rine einfache Gleichung: Je stärker der Wille ist, bei einer anderen Person etwas zu bewirken, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Suggestion die gewünschte Wirkung entfalten.

 

 

2

Suggestion als eine Vorstellung, die zur Wirklichkeit wird

 

Diese Erklärung setzt bei der Vorstellung an, und auch hier gilt eine einfache Gleichung:

Was man sich vorstellt, setzt sich früher oder später in die Realität um.

Und so geht es darum, mit Suggestionen dafür zu sorgen, dass einem Menschen eine bestimmte Vorstellung eingepflanzt - oder halt eben suggeriert- wird.

Wer kalte Hände hat, dem wird die Vorstellung von warmen Händen nahegelegt - und wenn die Szggestion wirkt, erwärmen sich die Hände.

 

 

 

3

Suggestion als eine als wahr angenommene Tatsache 

Jendrássiks gibt eine weitere - und durchaus interessante - Erklärung dafür, warum Suggestionen wirken.

'Suggestion ist eine Einwirkung, die in dazu geeigneten Personen eine der Auffassung der suggerierten Idee konforme Wirkung, wenn sie in Wirklichkeit auch völlig falsch erscheint, als wahre Tatsache einbringt.'

Jendrássik, 1888, S. 326

 

Was das bedeutet, verdeutlicht Jendrássik am Beispiel der Brandwunden

Wird eine Brandwunde suggeriert,  geht die Person davon aus dass sie sich tatsächlich  verbrannt hat. Das ist für sie eine wahre Tatsache.

Der Körper der Person reagier auf die als wahr angesehene Tatsache - er bildet Brandwunden.

Gleiches ist zu beobachten, wenn man einer Person suggeriert, sie habe eine übelkeitserregende  Substanz zu sich genommen. Wird dies vom Körper als  'wahre Tatsache' angesehen, kommt es zum Erbrechen,.

Jendrássik 1888, S. 321.

 

 

 

Suggestionen und Worte - geht das?

 

Für uns ist es fast ein Automatismus:

Wir koppeln Hypnose mit Suggestionen und wir koppeln Suggestionen mit Worten.

Praktisch heisst das:

Wir gehen davon aus, dass wir bei anderen Leuten eine Hypnose herbeiführen, indem wir mit den Leuten sprechen und damit jene Suggestionen anbringen, die zu einem hypnotischen Zustand führen.

Da sollte man immer daran denken: Hypnotische Zustände setzen nicht immer Worte voraus. 

Das zeigt sich schon bei Esdaile. Esdaile selber führte bei den Menschen, die er behandelte, nicht immer den hypnotischen Zustand herbei. Dafür, dass die Leute in einen hypnotischen Zustand gerieten, waren seine Assistenten verantwortlich. Und diese, soweit wir dies den Schilderungen von Esdaile entnehmen können, arbeiteten ohne Worte.

Esdaile selbst hypnotisierte seine Patienten ebenfalls ohne Worte.

Wie er dies bei einem Patienten tat, beschreibt er so:

Ich suspended meine spread Hand

 

 

 

 

 

 

Die Suggestionen vor Gericht

 

In letzter Zeit hat es sich herumgesprochen, dass Siggestiv-Fragen gefährlich sind. Sie können Zeugen beeinflussen und sie zu falschen Aussagen führen.

Diese Gefahr besteht vor allem bei den Aussagen von Kindern, und so ist es kein Zufall, dass Leute, die Kinder befragen, besonders geschult werden - so sollen Suggestivfragen vermieden werden.

 

Suggestivfragen: Die Gefahr ist schon längst bekannt

Man ist nicht erst in letzter Zeit auf die Gefahren von Suggestivfragen aufmerksam geworden. Dass sie gefährlich sind, weiss man schon lange - schon erstaunlich lange.

 

Da war ein Prozess geführt worden, und der König war mit dessen Verlauf nicht zufrieden Ein Herr Grattenauer beeilte sich, in diesem Zusammenhang ein Buch zu schreiben. Das Buch trägt den Titel 'Über den Begriff der Suggestivfragen'.

Das Buch ist im Jahre 1803 erschienen, und es geht in ihm darum zu verhindern, dass die Richter Suggestivfragen stellen.

'Suggestivfragen' sind für Grattenauer Fragen, bei denen die Antwort dem Befragten in den Mund gelegt - und damit also suggeriert  - wird. 

Grattenauer sagt zum Beispiel, dass folgende Frage nicht zulässig ist:

'War X beim Duell ebenfalls anwesend?'

Korrekt formuliert, muss die Frage lauten:

'Wer war beim Duell anwesend?'

Man sieht daraus:

Mit Suggestionen und Suggestivfragen beschäftigt man sich schon seit langer Zeit. Man wusste, dass sie vor Gericht zu Falschaussagen führen können.

Grattenauer ist im Übrigen auch nicht der erste Autor, der die Begriffe 'Suggestion' und 'Suggestivfragen' verwendet. In seinem Traktat erwähnt Grattenauer einen Autor namens Kleinschrod, und bei ihm tönt es so:

'...denn im allgemeinen ist Suggestion eine Handlung, welche einem Andern gegrün-deten Anlass gibt, etwas zu sagen, wodurch er, gegen die Wahrheit, etwas bejaht oder verneint.'

Kleinschrod bezieht seine Ausführungen auf Verhandlungen, die vor Gericht geführt werden. Offensichtlich war man sich  auch dort schon früh der Gefahren bewusst, die von Suggestivfragen ausgingen.

Früh?

Das Buch von Kleinschrod erschien 1787.

Und es gibt Hinweise darauf, dass die Gefahren von Suggestivfragen bereits jenen schrecklichen Mennschen bewusst waren, die im Rahmen der Inquisition ihre Opfer befragten.

 

 

 

Die verschiedenen Erklärungen für Suggestionen: näher betrachtet

 

 

Suggestionen und Vorstellungen: Wann ist eine Suggestion eine Suggestion?

Theodor Lipps, ein bekannter Psychologe, beschäftigt sich in einem Aufsatz mit Suggestionen. 

m Aufsatz findet sich folgende Aussage von ihm:

"Suggestion (...) ist keineswegs beliebige Weckung von Vorstellungen, sondern sie ist zugleich die Herbeiführung einer inadäquaten oder abnormen Wirkung dieser Vorstellung."

Lipps,  1897, S. 158

Das war den Leuten schon lange klar: Wenn wir mit einem andern Menschen kommunizieren, entstehen im Kopf des Gegenüber Gedanken, Gefühle und auch Bilder - 'Vorstellungen' also, wie dies Lipps nennt.

Diese Vorstellungen, so kann man weiter überlegen, beeinflussen unsere emotionale Befindlichkeit, indem sie uns fröhlich oder traurig oder wütend machen, und sie beeinflussen auch unser Tun und Lassen.

Sie führen damit also eine 'Wirkung' herbei.

Meistens bewegt sich diese Wirkung in einem gewöhnlichen Rahmen. Sie führt zu  Gefühlen in einer Form und in einem Ausmass, wie wir es vom Alltag her gewohnt sind, und sie bewirken Handlungen, die wir vom Alltag her ebenfalls kennen und dementsprechebd auch erwartet haben.

'Möchten Sie noch ein Stück Kuchen?', fragt die Hausfrau den Gast, und dieser reagiert so, wie man dies erwartet: Er versichert, dass der Kuchen ausgezeichnet sei, aber er leider so satt sei, dass ein weiteres Stück Kuchen nicht mehr drinliege.

Damit hat due Kommunukation der Hausfrau beim Gast eine Wirkung erzielt, die zu erwarten war und die dementsprechend denn auch normal ist.

 

Aber, und das ist der Punkt, auf den Lipps hinweist, manchmal führen wir mit unserer Kommunikation Vorstellungen herbei, deren Wirkung aus dem Rahmen des Gewöhnlichen fällt: Die Vorstellungen bewirken Gefühle in einer Art und Weise und in einer Intensität, die uns überrascht Und sie bewirken Handlungen, die wir nicht erwartet haben.

'Und dort sitzt ein Kätzchen', sagt der Therapeut zu einem Mädchen. Dieses steht auf, geht zum Kätzchen und streichelt es - und wir als aussenstehende Beobachter staunen:

Da ist gar kein Kätzchen.

Die Weckung der Vorstellung eines Kätzchens hat beim Mädchen zu einer Wirkung geführt, die wir als 'abnorm' ansehen.

Was versteht man nun also unter einer Suggestion?

Die Wissenschaft hat die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten.

Erstens: Sie kann unter der Suggestion alle durch Kommunikation herbeigeführten Vorstellungen und deren Wirkungen erfassen.

Oder zweitens: Sie kann unter dem Begriff 'Suggestion, lediglich jene durch Kommunikation herbeigeführten Vorstellungen erfassen, deren Wirkungen inadäquat oder abnorm sind.

Die Wissenschafter in den Jahren zwischen 1850 und 1900 interessierten sich vor allem für due inadäquaten und abnormen Wirkungen - die nicht selten unerklärlich waren.