Im 19. Jahrhundert haben Ärzte es gemerkt: Man kann in Hypnose Menschen operieren, ohne dass sie dabei Schmerz empfinden.

 

Warum dies möglich iist, ist bis heute rätselhaft geblieben.

 

 

 

Ablehnung

Mn könnte meinen, dass sich die Medizin darüber begeistert zeigen würde - endlich hatte sich eine Möglichkeit gezeigt, eine Geisel der Menschheit zu beseitigen.

Doch weit gefehlt.

Manche Ärzte reagierten sehr negativ auf die Berichte, in denen schmerzfreie Operationen beschrieben wurden.

Die Ärzte, die sich negativ äusserten, lassen sich in verschiedene Gruppen einordnen.

Da war einmal die Gruppe jener, die der Meinung waren, dass Schmerzen etwas Gutes seien und dass diese bei einer Operation sein müssten.

So  sagte etwa ein Dr. Copland.

1846

,Pain is a natural curative power.'

Entlarvend ist dabei das Wort 'curative'. Es bedeutet, dass nach Dr. Copland der Schmerz zur Genesung beiträgt.

Dr. Copland, zit. nach Esdaile, S.xxi

 

Und dann war da die Gruppe jener, die hinter den Berichten Fälschungen vermuteten.

Es gab Leute, die der Meinung waren, dass hier Betrüger am Werk waren.

Der Vorfwurf war dann dieser: Man unterstellte Esaile und anderen Leuten, dass sie Patienten bestochen hätten - die Patienten sollten so tun, wie wenn sie schmerzfrei geblieben wären.

"Ich habe in der Tat Leute gesehen, die sich Zähne ziehen liessen, die sich eine Brust amputieren liessen, die sich extrem schmerzhafte Tumore entfernen liessen ... die  Operation über sich ergehen liessen, ohne dass man einen Schrei gehört hätte.

Doch was beweist dies alles, wenn nicht das Vorliegen einer Scharlatanerie der schlimmsten Art, einer absolut unwürdigen Verschwörung?"

Leicht gekürzter Auszug  aus der Zeitschrift ,Journal de la médecine homéopathique' vom Mai 1847, erschienen in Journal du Magnétisme V, S. 60, 1847

 

Man hat den Eindruck, dass für manche Ärzte schmerzfreie Operationen etwas waren, das einfach nicht sein konnte - es war etwas, das so unmöglich war wie ein Dreieck mit vier Ecken. 

(auch Esdaile tat sich in diesem Punkt etwas schwer. Doch er war ein faktenorientierter Mensch - und es waren Fakten, die ihn nach und nach zu dazu brachten, die hypnotischen Phänomene im Zusammenhang mit der Schmerzlosigkeit anzuerkennen - die Fakten zwangen ihn dazu, wie Esdaile festhält).

 

 

Ernsthafter ist jedoch ein Vorwurf, der von einer dritten Gruppe erhoben wurde.

 

Sind eigentlich schmerzfreie Operationen sensationell? 

Leute, die während einer Operation keinen Schmerz empfanden, gab es schon immer.

Das sagte zum Beispiel Benjamin Brodie.

Brodie weist darauf hin, dass es schon immer Leute gegeben hat, die eine Operation über sich ergehen lassen mussten und die trotzdem keinen Schmerz empfanden.

Und dies geschah, ohne dass die Leute vorher  in eine Hypnose versetzt wurden. Und somit ist die Erkenntnis, dass schmerzfreie Operationen möglich sind, eben keine neue Erkenntnis.

Wobei es sich bei dieser Schmerzfreiheit nicht um extrem seltene Geschehnisse handelte. Bodies jedenfalls spricht davon, dass diese Schmerzfreiheit bei einer ,large proportion' jener Patienten zu beobachten gewesen sei, die operiert wurden.

Viel Lärm um nichts also, wenn es um schmerzfreie Operationen in der Hypnose geht.

                                       

Was die ,large proportion' der schmerzfreien Patienten betrifft, kann ich keine genauere Auskunft geben. Brodie nennt keine Zahlen, und auch sonst habe ich keine Zahlenangaben gefunden: Ich weiss von da her nicht, wieviele Patienten und Patientinnen schmerzfrei blieben.

Wie aber reagierten die Hypnotiseure der damaligen Zeit auf den Einwand von Brodie?

Diese Hypnotiseure ließen sich von folgender Überlegung  leiten:

Die Phänomene, die im Zusammenhang mit der Hypnose auftreten, sind keine unnatürlichen Geschehnisse. Alles, was sich an Phänomenen beobachten lässt, kommt auch auf eine natürliche Art und Weise vor.

Von da her hatten die Hypnotiseure allen Grund, auf die Äußerungen von Brodie gelassen zu reagieren.

Grundsätzlich war für sie klar, dass es schmerzfreie Zustände geben kann, die nicht über eine Hypnose zustande gekommen sind. 

Die Hypnotiseure waren deshalb keineswegs erschüttert, als sie von den schmerzfreien Leuten hörten, die operiert worden waren.

Damit war zu rechnen, sagten sie.

Zoist 1850

 

Esdaile ist erbittert 

1852 hat Esdaile ein weiteres Buch herausgegeben. Es ist ein eindrückliches Buch. In ihm reagiert Esdaile auf die Vorwürfe, mit denen er konfrontiert wurde. 

Es gab Leute, die ihn offen als Betrüger bezeichneten: Er habe, so hiess es, absuchtlich Leute angeheuert, die Schmerzfreiheit vorgaukeln mussten.

Andere sahen davon ab, ihn als Betrüger anzusehen. Immerhin war Esdaile ein Ehrenmann mit einem untadligen Ruf. Doch das machte die Sache nicht besser. Denn Esdaile war in diesem Falle keine Betrüger, sondernbeinfach ein Dummkopf, der sich von bösen Leuten hintergehen liess.

Kein Wunder, dass Esdaile verbittert war.

So dauerte es lange, bis die Tatsache anerkannt wurde, dass in Hypnose schmerzfreie Operationen möglich sind - obwohl in den Fachzeitschriften immer wieder Berichte von schmerzfreien chirurgischen Eingriffen und von schmerzfreien Zahnextraktionen zu lesen waren.

 

Verschiedene Punkte fallen bei Esdaile auf:

Ein eigenartiges Motiv 

Esdaile beschäftigte sich ohne grossen Ehrgeiz und ohne grosse Ziele mit der Hypnose.

Dass es sich mit der Hypnose auseinandersetze, scheint einem banalen Motiv entsprungen zu sein - es war ihm langweilig, und offenbar suchte er nach einem Thema, das ihn ein wenig ablenkte.

 

Weniger Wissen geht fast nicht

Esdailes Patientinnen und Patienten befanden sich in einem hypnotischen Zustand, und in diesem Zustand waren schmerzfreie Operationen möglich.

Liest man da Buch von Esdaile, ist man geradezu erschüttert:

Esdaile wusste fast nichts über die Hypnose. Er hatte vorher noch nie jemanden im Hypnose versetzt. Er hatte noch nie einem Hypnotiseur zugeschaut - und das wenige, das er über Hypnose wusste, hatte er den Zeitungen entnommen. 

(Ihm assistierte ein ihm untergeordneter Chirurg. Dieser war zwar schon einmal dabei gewesen, als jemand hypnotisiert wurde. Eine echte Hilfe vermochte er Esdaile jedoch nicht sein: Diese Hypnose war ein Misserfolg gewesen.)

 

Positives vom Esdaile

Esdailes Arbeit hat drei positive Folgen; zwei davon werden oft vergessen.

Die erste: Esdaile half vielen Menschen. Er machte es möglich, dass diese Menschen operiert werden konnten, ohne dass sie dabei entsetzliche Schmerzen empfanden.

Dies war Esdaile wichtig, und so ist es denn auch kein Zufall, dass er in einem Brief seinen Vater auf diesen Punkt aufmerksam macht.

Die zweite positive Folge: Mit Hilfe der Hypnose und damit auch mit Hilfe der schmerzfreien Operationen gelang es Esdaile, die Sterblichkeitsrate zu senken: Überlebten vorher rund die Hälfte der Kranken eine Operation nicht, waren es bei Esdaile lediglich 5 %, die während oder kurz nach einer Operation starben.

Die dritte: Für viele Ärzte der damaligen Zeit scheint es ein ehrerner Grundsatz gewesen zu sein, dass Operationen und Schmerzen untrennbar miteinander verbunden sind - untrennbar miteinander verbunden sein müssen, weil Schmerzen die Genesung fördern.

Esdaile  trug wesentlich dazu bei, dass diese Koppelung aufgelöst wurde: Seine Arbeit zeigte, dass Schmerzen bei Operationen keineswegs sein müssen. Und davon, dass sie den Genesungsprozess, fördern, konnte angesichts der Erfolgen von Esdaile keine Rede mehr sein.

 

 

 

Wer führt eigentlich schmerzfreie Zustände in Hypnose herbei?

 

Nein, es war nicht Esdaile.

Natürlich geht man davon aus, dass es Esdaile war, der die Kranken hypnotisierte und in einem Zustand brachte, in welchem sie ohne Schmerzen operiert werden konnten. 

Dem war jedoch nicht so.

Esdaile berichtet:

Da ich mich weder körperlich noch geistig schonte, stellte ich bei mir nach sechs Wochen eine extreme nervliche Erschöpfung fest. Ich war reizbar und konnte nicht mehr schlafen. Mir war klar, dass die Beschäftigung mit dem Mesmerismus schon genug Märtyrer hervorgebracht hatte; mir war auch bewusst, dass ich von der Ausübung des Mesmerismus Abstand nehmen musste, wenn ich wollte, dass ich dessen Triumph noch erleben konnte. Daran habe ich mich seither gehalten; nur gelegentlich habe ich hypnotisiert, und dies nur um Experimente durchzuführen. 

Mir war klar, dass ich kein Ausserwählter war, und mir war auch klar, dass alle Leute mehr oder weniger die Kraft besitzen, Hypnose durchzuführen. wenn sie wissen, wie man dies tut. Ich sorgte deshalb dafür, dass alle Beschäftigte im Krankenhaus,  ob Türsteher oder Köche mit den Patientinnen und Patienten arbeiteten. Und jeder einzelne von ihnen führte die Patientinnen und Patienten in einen Zustand, in welchem sie keine Schmerzen empfanden. Und ich selber nahm meine chirurgischen Eingriffe bei jenen vor, bei denen es notwendig war.

Wurde jeweils ein neuer Hypnotiseur gesucht, brachten meine Assistenten einen geusnden jungen Mann zu mir, sofern dieser willens war, die Kunst des Hypnotisierens zu lernen - und unter der Anleistung meiner Assistenten wurde dieser junge Mann innerhalb einer Woche zu einem fähigen Hypnotiseur.    Clairvojynce 131   

Esdaile, 1852, S. 131. Z 31 7 2026

 

Uns kommt dies sehr eigenartg und auch rätselhaft vor:

Wie ist es möglich, dass Leute eine Hypnose herbeiführen können, obwohl sie eine nun wirklich sehr, sehr minimale Ausbildung genossen haben? 

 

Einen schmerzfreien Zustand herbeizuführen- nicht immer ganz einfach

Dass es dermassen leicht war, fähige Hypnotiseure heranzuziehen, führt zu einem Fehlschluss: Man denkt sich, dass es auch einfach war, hypnotische Zustände zu erreichen, in denen schmerzfreie Operationen möglich waren.

Dem war jedoch nicht. Zwar wurde dieser Zustande bei sensiblen Personen innerhalb weniger Minuten erreicht. Normalerweise dauerte es rund eine bis zwei Stunden; zuweilen musste jedoch an verschiedenen Tagen der entsprechende Zustand herbeigeführt werden.

Bei seinen Patienten und Patientinnen konnte Esdaile jeweils nicht voraussagen, wie lange es dauern würde, bis der hypnotische Zustand erreicht war.

Esdaile, 1846, S 10

 

 

Esdaile war nicht der erste Arzt, der eine schmerzfreie Operation in Hypnose durchführte. 

Aber dem Wirken von Esdaile kommt ein grosses Gewicht zu: Banal ausgedrückt hat er bewiesen, dass die Hypnose in der Praxis funktioniert und schmerzfreie Operationen zulässt.

Von da her war ein Pionier.

Doch zwei Gründe erschwerten es, dass er allgemein bekannt und geschätzt wurde.

Der eine Grund hat mit Äther,  Chloroform und Lachgas zu tun.

Dass Lachgas eine schmerzstillende Wirkung besitzt, war seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Eingesetzt wurde es jedoch selten. Und so sollte es bis ins Jahr 1842 dauern, bis bei einer Operation Äther zum Einsatz kam. Und ebenfalls seine Zeit brauchte es, bis sich das Chloroform durchsetzte.

Esdaile operierte in Indien 1845 - und man ersieht daraus, dass er dies zu einem Zeitpunkt tat, zu dem chemische Narkosemittel ihren Siegeszug antraten.

Dass dadurch schmerzfreie Operationen in Hypnose ins Hintertreffen gerieten, ist durchaus verständlich.

 

Mesmer ...

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Esdaile oft wenig beachtet wurde.

Die Grundlage für Esdailes Wirken bildeten die Arbeiten von Mesmer. Es ist von da her kein Zufall, dass Esdailes Buch den Titel ,Mesmerism in India' trägt.

Mesmer und der Mesmerismus gerieten jedoch in Ungnade: Die Annahmen, von denen Mesmer ausging, betrachtete man als falsch und als wissenschaftlich überholt.

Mesmer selbst galt in den Augen mancher Leute als Quacksalber und Scharlatan. 

Ärzte, die sich auf ihn beriefen, fielen häufig in Ungnade - was manche Ärzte dazu veranlasste, Hypnose nur im Geheimen einzusetzen. Hätten sie sie in aller Öffentlichkeit angewendet, hätten sie Patientinnen und Patienten verloren ...

Das machte die Situation für Esdaile nicht gerade einfach.

 

Braid ...

Hypnose: eine physische oder psychische Angelegenheit?

Heutzutage verbinden wir hypnotische Zustände weitgehend mit psychologischen Gegebenheiten: mit Suggestionen, mit bildlichen Vorstellungen und mit Placebo- Effekten. 

Diese Sichtweise geht zu einem guten Teil auf den Wissenschafter Braid zurück. Er ist nicht nur der Mann, von dem man sagt, dass er dss Wort Hypnose geprägt hat. Er ist auch der Mann, der die Meinung vertrat, dass die Hypnose eine Sache der Psychologie ist: Sie passiert im Kopf des Menschen.

Wenn man so will, ust Esdaile der Gegenspieler von Braid.

Denn Esdaile sagt dies:

Ihm ist es in einem Krankenhaus in Indien gelungen, Patienten und Patientinnen in einen hypnotischen Zustand zu versetzen. Und in diesem Zustand empfanden sie  keine Schmerzen mehr: Schmerzfreie Operationen wurden dadurch möglich.

Die Art und Weise, in der Esdaile diesen Zustand herbeiführt, weist einen Vorteil auf: Psychische Vorgänge spielen dabei keine Rolle. Dementsprechend fällt auch die Gefahr weg, dass in der Hypnose mentale Vorgänge manipuliert werden.

Denn der Vorgang, mit dem der hypnotische Zustand herbegeführt wird, ist ,purely physical nature' (Esdaile 1846 129). Geistige Prozesse kommen nicht ins Spiel. Da ist keine emotionale Bindung zum Patienten, die eine Rolle spielt, da sind keine Suggestionen, die sich auf den Verlauf der Hypnose auswirken, und da sind letztlich auch keine Worte, die bei der Hypnose wirksam werden.

Tatsächlich fehlen diese Aspekte in jenen Situationen, in denen der schmerzfreie hypnotische Zustand herbeigeführt und vorhanden ist.

Die Hypnose bei Esdaile ist denn auch, wie nan bei Esdaile lesen kann,  eine sehr nüchterne Angelegenheit: Ein Patient oder eine Patientin kommt ins Krankenhaus. Sie werden in einen dunklen Raum geführt, und dort beginnt ein Hypnotiseur mit seiner Arbeit. Es ist eine Arbeit, die im Wesentlichen darin besteht, dass die Hypnotiseure mit ihren Händen streichende Bewwegungen dem Körper der Patientinnen und Patienten entlang vornehmen. 

Hinweise darauf, dass dabei mit den Kranken gesprochen wird, finden sich bei Esdaile nicht. Hinweise darauf, dass es darum geht, einen schmerzfreien Zustand zu erreichen, werden  dem Kranken nicht gegeben  - Esdaile rät sogar dazu, dass die Kranken im Unklaren darüber gelassen werden, was die Hypnotiseure erreichen wollen: Den Kranken soll gesagt werden, dsss es sich um einen Versuch handelt, schlägt Esdaile vor.

Eine emotionale Beziehung zu den Kranken gibt es nur in einem geringen Masse - was auch mit Esdaile selbst zusammenhängt:

Seinen Ausführungen kann man entnehmen, dass ihm ein empathisches Verhalten den Kranke gegenüber schwer fällt: Die Welt, in der die naturverbunden und ungebildeten  Einheimischen in Indien leben, ist eine Welt, zu der der gebildete Arzt Esdaile aus dem fernen Schottland kaum einen Zugang findet.

Aber eben: Das ist, da die Vorgänge bei der Hypnose rein physikalischer Natur sind, auch nicht notwendig.

 

 

Schmerz

 

Aus der Praxis eines Hypnotherapeuten: Wenn Schmerzen wandern

Der Hypnotiseurn Gregory berichtet dies:

Manchmal kommt es vor, dass die Schmerzen wandern.

Das geschieht in verschiedenen Varianten.

Manchmal wandern sie bei den Leuten von einem Ort am Körper zum andern - und dann kommt es vor, dass sie den Körper der Leute auf Nimmerwiedersehen verlassen.

Es kann aber auch sein, dass der Schmerz eines Patienten oder einer Patientin zum Hypnotiseur wandert. Dann geht ein Mensch glücklich und von seinen Kopfschmerzen befreit nach Hause - während ein Hypnotiseur zurückbleibt, der seinerseits an Kopfschmerzen leidet.

Soweit Gregory weiss, ist auch dies schon vorgekommen: Die Schmerzen eines Patienten sind auf einen Brief übergegangen, den der Patient dem Hypnotiseur schickte.

Von dort sprang er dann auf den Hypnotiseur über.

Und schliesslich geschah auch dies:

Die Krankheit eines Hypnotiseurs ging auf einen Patienten über - was Gregorys praxisbezogenen Ratschlag verstärkt: Kranke Hypnotiseure sollten nicht hypnotisieren.

 

Quelle: Gregory

Und schon haben wir eine ungewöhnliche Fähigkeit kennengelernt: Hypnotiseure können Schmerzen gleichsam zum Wandern bringen ...

 

Schmerzfreie Operationen in Hypnose heute: noch immer eine Seltenheit

Ab und zu werden Operationen in Hypnose durchgeführt. Doch solche Operationen sind seltene Ereignisse, die in der Presse denn auch entsprechend gewürdigt werden

Eine breite Öffentlichkeit nimmt dann überrascht zur Kenntnis, dass solche Operationen möglich sind - und ebenso überrascht es viele Leute, dass man um die Möglichkeit schmerzfreier Operationen in Hypnose schon seit fast 200 Jahren weiss.

 

 

Lesetipp: Hypnose und Schmerz - was weiss man heute?

Wie verhält es sich mit der Hypnose, wenn es um Schmerzen geht? Macht es Sinn, mit Hypnose zu arbeiten, wenn Schmerzen bekämpft werden sollen?

Wenn Sie an diesen Fragen interessiert sind, kann Ihnen folgender topseriöser Artikel empfohlen werden:

 

Adina Yerzhan et al: 

The use if medical hypnosis to prevent and treat acute and chronic pain: a Systematic Review and Meta-Analysis. 

J clinic med 2025 jul 1, 14(13) 4661 doi 103390/jcm1434661.  Z. 12 8 2026

 

 

Fazit:

Hypnose schneidet bei akuten Schmerzen gut ab, weniger dagegen bei chronischen Schmerzen - wobei es hier offenbar schwierig ist, zu gesicherten Aussagen zu kommen.

 

 

Und noch ein Fazit:

Auch heute noch sind verschiedene Dinge unklar, wenn es um Hypnose geht:

Die exakten Mechanismen, mit denen die Hypnose die Neurophysiologie beeinflusst, liegen noch nicht fest, bilanziert Yerzhan.

Was eigentlich absolut verblüffend ist:

 

Mehr als 150 Jahre sind es her, seit sich unsere Urväter aufmachten, hinter die Geheimnisse der Hypnose zu kommen ...

 

 

Lesetipp: Joseph Lister

Wenn Sie sich die entsetzliche Situation der Medizin zu einer Zeit vorstellen wollen, zu der es kein Mittel gegen Schmerzen gab, kann ich ihnen folgendes Buch empfehlen:

Lindsey Fitzharris: Der Horror der frühen Chirurgie. Suhrkamp 2023.

Lindsey schildert am Abfang des Buches die nun wirklich grauenhaften Zustände, die damals in den Operationssälen herrschten.

 

Das Buch von Lindsey Harris ist dem Arzt Dr. Joseph Lister gewidmet. 

Lister ist erstaunlicherweise in der heutigen Zeit so gut wie unbekannt - es gibt ein Angebot mit dem Namen ,Listeribe', das bei der Zahnpflege hilft. Doch  die wenigsten Leute verbinden diesen Markennamen mit dem Mann Josepph Lister.

Zu unrecht:

Lister setzte durch, dass das Chloroform als Mittel  verwendet wurde, um schmerzfreie Operationen zu ermöglichen. Er war ein Arzt, den man mit Fug und Recht als Wohltäter der Menschheit bezeichnen darf.

 

Wenn zwei Ereignisse gleichzeitig eintreten ... Hypnose und Äther

 

1846 war für die Hypnose ein wichtiges Jahr.

In diesem Jahr erschien das Buch von James Esdaile.

Und nach diesem Buch war es klar:

 

Es ist mit der Hilfe der Hypnose möglich, schmerzfreie Operationen durchzuführen.

 

 

1846 war für die Medizin ein wichtiges Jahr. 

In diesem Jahr setzte der Mediziner Crawford Williamson Long erstmals Äther als Narkosemittel ein.

Damit war klar: Dank der Narkosemittel sind schmerzfreie Operationen möglich.

 

Jahrhundertelang hatte  die Medizin unter dem Schmerzproblem gelitten: Sie wusste nicht, wie sie dafür sorgen konnte, dass Operationen schmerzfrei verliefen.

Dass dann im gleichen Jahr gleich zwei Wege zu schmerzfreien Operationen gefunden wurden, ist von da her überraschend. 

Quelle: Fitzharris

 

 

 

James Esdaile fängt mit schmerzfreien Operationen an

 

Esdaile fängt an

Man kann das exakte Datum nennen:

Am 4. April 1845 mesmerisierte Esdaile zum ersten Mal einen Patienten - heute würden wir sagen: Er versetzte ihn in Hypnose.

In einer ersten Phase führte er seine Hände in einem Abstand von einigen Zentimetern über den Kopf des Patientin bis hinunter zur Bauchgegend.

In einer zweiten Phase blies er seinen Atem gegen den Kopf des Patienten. Dann führte er seine Hände bis hinunter zur Bauchgegend des Patienten; mit beiden Händen drückte er sie in die Bauchgegend.

Der Patient stellte zuerst fest, dass er die Welt verschwommen und wie durch einen Rauchschleier sah.

Er fiel dann in einen hypnotischen Schlaf und reagierte nicht mehr auf die Umwelt. Esdaile zwickte ihn, führte einen brennenden Gegenstand in die Richtung seines Knies, liess ihn Amoniak riechen und gab ihm auch eine mit Ammoniak versetzte Flüssigkeit zu trinken. 

Der Patient zeigte keine Reaktion.

Esdaile hatte somit Erfolg:

Er hatte einen Patienten in einen hypnotischen Zustand versetzt.

 

Esdaile macht weiter

Am 6. April führte Esdaile ein zweites Experiment durch, wie er dies nannte.

Ein Zeuge bestätigte, dass der hypnotisierte Patient nicht mehr auf die Umwelt reagierte.

"Ich glaube, dass Sie ihm ein Bein hätten abschneiden können. ohne dass er dies gemerkt hätte", schrieb ihm dieser Zeuge (S. 50).

Was genau im Kopf von Esdaile vorgegangen ist, wissen wir nicht. Tatsache aber ist, dass er die Aussagen des Zeugen ernst nahm: Er beschloss, einem Patienten tatsächlich ein Bein zu amputieren - und zwar eben in einem Zustand, in dem der Patient nichts davon merkte.

 

Haarsträubend schlechte Voraussetzungen

Die Voraussetzungen, unter denen Esdaile arbeitete, waren haarsträubend schlecht.

Esdaile selbst hatte noch nie einem Hypnotiseur zugeschaut.

Was er über die Hypnose wusste, hatte er der Zeitung entnommen.

Ihm zur Seite stand ein chirurgischer Subassistent. Dieser hatte zwar gesehen, wie Patienten zu hypnotisieren versucht wurden - ohne dass dies jedoch gelungen war.

Und noch etwas:

Esdaile glaubte selbst nicht an sich: Eigentluch glaubte er nicht, dass er über jene Kräfte verfügte, die es zum Hypnotisieren brauchte.

Die Operation war dann ein voller Erfolg - doch auch Sie werden darüber rätseln, wie dies möglich war.

Esdaile, 1846, 42 - 50,     

 

Z. 18. 07. 2026

 

 

 

 

Der Hypnotiseur James Esdaile - der Hypnotiseur, der eigentlich gar hypnotisierte

 

Wenn der Koch hypnotisiert

Esdaile unternahm erste Versuche mit der Hypnose.

Der Erfolg war zwar beachtlich, doch Esdaile fühlte sich bald einmal ausgelaugt.

Bevor er zusammenbrach, fand er eine interessante Lösung für sein Problem:

Die Aufgabe, Patienten und Patientinnen zu hypnotisieren, übertrug er anderen Leuten.

Diese Leute rekrutierte er aus dem Spitalpersonal. Und so wurden Köche, Türsteher und andere Berufsleute zu Hypnotiseuren umgeschult - ein Vorgehen, das sich bestens bewährte, wie Esdaile vermerkt.

"Wann immer ein Hypnotiseur gesucht wurde, brachten meine Assistenten einen gesunden jungen Mann herbei, der daran interessiert war, die Hypnose zu lernen. Und unter der Anleitung meiner Assistenten wurde dieser Mann dann jeweils innerhalb einer Woche zu einem fähigen Hypnotiseur."

Wobei ,fähiger Hypnotiseur ' heisst:

Der als Hypnotiseur ausgebildete Mann war in der Lage, die Patientinnen und Patienten in jenen hypnotischen Zustand zu versetzen, in dem sie keine Schmerzen empfanden.

Dann konnte Esdaile mit seiner Operation beginnen.

Esdaile, 1852, S. 131. Z 31 7 2026

 

 

Übrigens und zur Erinnerung:

Esdaile war nicht der erste Arzt, der dank der Hypnose Patienten schmerzfrei operieren konnte.

Diese Ehre kommt Jules Cloquet zu: Er hat die erste dokumentierte schmerzfreie Operation in Hypnose vorgenommen.  Er tat dies mit einem Mesmerist und damit mit einem Hypnotiseur zusammen.

Das geschah am 12. April 1829 - und damit vor bald 200 Jahren.

Quelle: hypnosis.edu/history.  Z 6 8 2026

 

Wobei:

Die engischsprachige Ausgabe weist unter dem Stichwort ,James Esdaile' auf Joseph Réclamier hin, der bereits 1821 eine schmerzfreie Operation durchführte. Z 18 9 26

Auf der englischsprachigen Seite von Wikipedia findet sich unter ,Joseph Réclamier' kein Hinweis darauf; ebenso wenig in dem französischsprachigem und längerem Beitrag.   Z 18 9 2026

 

Später waren es dann Topham und Ward, die über eine erfolglreiche schmerzfreie Operation in Hypnose berichteten.

Mehr dazu erfahren Sie hier

https://archive.org/details/39002011123115.med.yale.edu        Z  20. 8. 2026

 

 

Gibt es verschiedene Formen der Hypnose?

 

'Mr Braid fand heraus, dass er beim Fixieren des Blickes  der Patienten .... einen besonderen Zustand herbeiführen konnte, den er ''hypnotischen oder nerevous Schlaf'. Während dieses Zustandes konnte er bei seinen Patienten verschiedene wundervolle Phänomene hervorrufen und er hatte auch bei der Behandlung von Krankheiten grossen Erfolg. Nach meiner Auffassung - und ich habe viele Experimente gesehen, die in der Yéffentlichkeit die Nachfolger oder Imitatoren von Mr. Braid durchgeführt haben  - ist dieser Zustand nicht identisch mit dem  mesmerischen Koma, und tatsähclich  sagt man von Mr. Braid, dass er später einbestanden hat, das er einen neue Entdeckung war ud nicht eine blosse Explanation des Mesmerismus. '

 

 

 

Eine wirklich etwas kurze Geschichte der Scherzfreiheit bei Operationen

 

 

Fassen wir zusammen:

Die erste schmerzfreie Operation in Hypnose findet in Paris am 12. April 1829 statt. Durchgeführt wird sie von Jules Cloquet, 

Die Operation selbst dauert rund 10 Minuten; die Patientin  befindet sich danach während 2 Tagen im 'mesmeric state'.

 

Ein Ire mit dem Namen Chevenix bringt die Technik der schmerzfreien Operationen mit Hypnose von Paris nach London. Dort erregt er die Aufmerksamkeit von Dr. Elliotson.

Zu dieser Zeit werden schmerzfreie Operationen in aller Öffentlichkeit durchgeführt; prominente Zuschauer sind u.a. Michael Faraday und Charles Dickens.

 

Angeführt von Robert Liston gehen die Ärzte in die Offensive: Sie lehnen den Einsatz der Hypnose ab.

1838 erreichen sie, dass öffentliche Operationen in Hypnose nicht mehr stattfinden dürfen.

Die Möglichkeit schmerzfreier Operationen wird  überprüft.  Die  Möglichkeit schmerzfreier Operationen sollen an zwei Patienten gezeigt werden.

Die Operationen misslingen.

Das 'Council of the University College' verbietet die Verwendung  der Hypnose.

Dr. Elliotson ist unterdessen Professor geworden. Als die Hypnose verboten wird, gibt er seinen Job als Professor auf. Er gründet eine Zeitschrift mit dem Namen 'Zoist'.

Die Zeitschrift erscheint von 1843 bis 1855; sie berichtet von  erfolgreichen Heilungen und Linderungen mit Hypnose.

 

Das Jahr 1845 führt zu einer Zäsur. Am 4. April 1845 führt in Indien der britische Arzt Esdaile seine erste Operation an einem Patienten durch, der in Hypnose versetzt worden ist. 

Die Operation ist ein Erfolg. Der Patient verspürt während der Operation keinen Schmerz.

1846 publiziert Esdaile sein Buch 'Mesmerism in India'. In ihm berichtet er über seine chirurgische Tätigkeit mit den Patienten und Patientinnen, die dank der Hypnose keine Schmmerzen empfinden.

 

Es entstehen an verschiedenen Orten auf der Welt  Krankenhäuser, die die Hyonose einsetzen. Mehr als 1000 Operationen werden durchgeführt.

 

Am 16. Oktober 1846 erfolgt dann der Bruch: Ein erster Bericht über eine schmerzfreie Operation mit dem Einsatz von Äther wir publiziert. 

Die erste Operation ist mit dem Namen Robert Liston verbunden. Sie ist ein Erfolg.

Offensichtlich erkennt Esdaile das Potenzial, das im Äther steckt Er beginnt mit ihm zu experimentieren.

Das Aufkommen des Äthers und anderer Narkosemittel läutet das Ende der Hypnose im Zusammenhang mit den schmerzfreien Operationen ein. 

 

 

Soweit ein erster Überblick über die  Geschichte der Schmerzfreiheit in der Hypnose.

Einige Bemerkungen und Ergänzungen:

Man sollte immer daran denken: Die Möglichkeit zu schmerzfreien Operationen - erfolge diese nun  mit HIlfe der Hypnose oder des Äthers - stellt einen Meilenstein in der Geschichte der Medizin dar:

Vorher gab es keine Möglichkeit, schmerzfrei zu operieren.

 

Von da her ist das Verdienst von Esdaile hoch einzuschätzen: Esdaiile hat die schmerzfreien Operationen nicht erfunden. Aber er hat gezeigt, dass diese im Krankenhausalltag möglich sind - der Einsatz der Hypnose hat den Praxistest bestanden.

Und noch etwas: 

Esdaile hat einen Wandel in den Köpfen mancher Ärzte herbeigeführt. Diese waren vorher der Meinung, dass Schmerzen und Operationen zusammengehören - ja sogar zusamengehören müssen.  

Esdaile trug dazu bei, dass diese Koppelung aufgelöst wurde. 

Damit hat er dann auch die Einführung des Äthers erleichtert - als der Äther aufkam, wussten die Ärzte bereits, dass schmerzfreie Operationen möglich sind. Die Vertreter des Äthers mussten nichts mehr in den Köpfen der Ärzte die Operationen und den Schmerz entkoppeln ...

 

Bereits Esdaile musste die Erfahrung machen: Es kann mitunter sehr zeitaufwendig sein, Patientinnen und Patienten in der Hypnose in einen schmerzfreien Zustand zu führen - ein Punkt, den auch der Hypnotiseur John James betont.

Demgegenüber hat die Narkose mit Medikamenten einen Vorteil: Sie wird heutzutage sehr schnell herbeigeführt.

 

Und nun kann man überlegen:

Wenn die Narkose mit Medikamenten heute eine sichere und schnelle Methode darstellt, ist dies kein Zufall. Wie man leicht nachrechnen kann, sind sei tder ersten Operation mit Äther  über 150 Jahre vergangen. In dieser Zeit ist die Nakose mit Schmerzmitteln überprüft und optimiert worden - und dass  sie heute schnell und zuverlässig erfolgt, ist auch dieser Optimierung zu verdanken.

Da kann man sich fragen: Wie steht es um die schmerzfreien Operationen unter Hypnose - sind diese ebenso intensiv untersucht und optimiert worden? 

 

Oder hat man dies unterlassen?

Und wenn ja: Wie sähe die schmerzfreie Operation unter Hypnose heute aus, wenn man sie ebenso intensiv erprobt und erforscht und dokumentiert hätte, wie dies beim Einsatz von Schmerzmitteln  geschehen ist?

 

Und noch etwas: 

Die Hypnose der damaligen Zeit wird oft mit der Schmerzfreiheit verbunden. Dabei wird vergessen, dass die Hypnose schon im 19. Jahrhundert ein  Potenzial zum Heilen und Lindern aufzeigte, das über die Schmerzfreiheit hinausging - ein Blick in die Zeitschrift 'Zoist' genügt, um dies zu bestätigen.  

Die fast ausschliessliche Verbindung der Hypnose mit der Schmerzfreiheit ist bedauerlich. Dadurch wurde das volle Potenzial übersehen, welches die Hypnose besass.

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