Heilen - auch dort, wo der Arzt nicht heilen kann

 

Im 19. Jahrhundert waren sich manche Gelehrte sicher: Von den Menschen gehen Kräfte aus, mit denen sie anderen Menschen helfen können.

Und zwar auch dort helfen können, wo die Ärzte nicht mehr weiter wissen.

In alten Büchern und Zeitschriften finden sich denn auch viele Berichte, in denen solche Heilungen geschildert werden:

Patientinnen und Patienten sind krank - so krank, dass die ärztliche Kunst versagt. Hilfe finden sie durch einen Menschen, der mit seinen Kräften auf sie einwirkt und sie in oft verblüffend kurzer Zeit heilt.

Eine unangenehme Frage an die Medizin

Ein Beispiel 

Das Kind, von dem hier die Rede ist, ist taubstumm.

Heilen können es die Ärzte nicht.

Ein Mann kommt und hypnotisiert das Kind.

Daraufhin tut sich etwas bei dem Kind. Es kann hören.

Es lernt Wörter und spricht diese einigermaßen korrekt aus. Es lernt auch die Buchstaben und beginnt zu lesen.

 

Der Hypnotiseur geht beim  Kind so vor, wie dies damals üblich war:

Die Hypnotiseure der damaligen Zeit führten streichende Handbewegungen aus - bei diesen Handbewegungen berührten sie leicht die Haut der Person, die sie  hypnotisierten. Oder sie führten Bewegungen in einem geringen Abstand zur Haut aus.

Das half  - es führte beim Kind dazu, dass es hören konnte.

 

Da stellt der Hypnotiseur Deleuze eine Frage:

Wie ist es möglich, dass ein Hypnotiseur leichte Handbewegungen ausführen und mit diesen Handbewegungen mehr Wirkung erzielen kann als ein Arzt?

Diese Frage ist berechtigt: Die Ärzte hatten dem taubstummen Kind tatsächlich nicht helfen können.

 

Es ist eine unangenehme Frage. Kein Arzt der damaligen Zeit hörte sie gerne - besonders deshalb nicht, weil er auf diese Frage keine Antwort zu geben vermochte.

Und weil er sich angegriffen fühlte.

 

Doch wie steht die Hypnose zur Medizin?

Auf diese Frage gab es verschiedene Antworten.

 

James Braid beispielsweise reagierte so:

,Ich bin mir sicher, dass wir hier eine wertvolle Ergänzung zu jenen Mitteln gefunden haben, mit denen wir kranke Menschen heilen.

Aber ich weise die Annahme zurück, dass wir es mit einem universellen Heilmittel zu tun haben. Ich behaupte denn auch nicht, dass ich jene Krankheiten anzugeben vermag, bei denen diese Ergänzung zum Tragen kommt.

Nur die Zeit und die Erfahrung können diesen Punkt klären - genau so, wie dies bei allen andern Heilmitteln der Fall ist.'

Braid, 1843, S. 5.

 

In einem krassen Gegensatz dazu steht die Zeitschrift Lancet. Diese renommierte Zeitschrift ging schon gar nicht auf die Frage von Deleuze ein.

Beim Heilmittel, das Braid erwähnte, geht es um die Hypnose. Doch von dieser Hypnose - die damals auch als ,animal magnetism' bezeichnet wurde - wollte die Zeitschrift ,Lancet' nichts wissen.

Die Zeitschrift ,Lancet' teilte mit, dass sie keine Mitteilungen akzeptieren werde, die den ,extravaganten Humbug' des animalischen Magnetismus befürworteten.

Womit eine nüchterne Auseinandersetzung, wie Braid dies gewünscht hatt, verunmöglicht worden war.

Lancet-Zitat in Lancet von Mr. Wakley am 8. Dezember 1844, ref nach Zoist  Vol. 8, Nr 31, Oktober 1850.

 

Die Hypnose - mehr als eine Ergänzung?

Braid ist der Meinung, dass die Hypnose eine Ergänzung zur Medizin darstellt. Die Hypnose hat ihre guten Seiten, und diese muss man in die Medizin übernehmen. Damit weitet man das Repertoire der Medizin aus.

Bei manchen Leuten zur damaligen Zeit tönte es jedoch anders. Die Hypnose wurde nicht als Ergänzung zur bestehenden Medizin angesehen. Sie war vielmehr eine neue Medizin - was dann so verstanden werden kann:

Die Hypnose ist die künftige Medizin.

Die traditionelle Medizin dagegen hat ausgedient.

Die Hypnose wurde damit zu einer Konkurrentin. Sie ergänzt die Medizin nicht, sie ersetzt sie.

Was das praktisch heisst, hat Esdaile sehr klar formuliert (CV 129):

Wenn die Hypnose korrekt ist, müssen alle Ärzte, ob jung oder alt, wieder zur Schule gehen - das ist die bittere Pille der Hypnose, die sie schlucken müssen.

Da ist es dann kein Wunder, dass sich die Ärzte angegriffen fühlten.

Und kein Wunder, dass die Diskussionen um den Stellenwert der Hypnose oft sehr emotional verliefen.

 

 

Eine ganz andere Frage: natürlich oder übernatürlich?

Wenn es um die Beziehung zwischen Medizin und Hypnose ging, wurde dies mit einem ganz anderen Thema verknüpft.

Handelt es sich bei den hypnotischen Phänomeben um natürliche Phänome oder sind diese übernatürliche Erscheinungen?

Manche Wissenschafter waren der Meinung, dass es sich um Phänomene handelte, die grundsätzlich im Rahmen der bestehenden Naturwissenschaften erklärt werden konnten.

Dass es zu der damaligen Zeit Phänomene gab, die noch nicht im Rahmen der Naturwissenschaften erklärt werden konnten, änderte nichts an dieser Annahme: Die Wissenschaft würde Fortschritte machen und die Phänomene erklären können.

Aber auch hier gab es eine Gegenposition:

Manche Leute waren der Meinung, dass die so merkwürdigen und oft fast abstrusen Phänomene nur erklärt werden konnten, wenn man annahm, dass höhere Wesen im Spiel waren.

 

Phänomene, die sich auf einer naturwissenschaftlichen Ebene erklären lassen - oder Phänomene, die auf dem Eingriff höherer Wesen beruhen?

Diese Frage stand im Raum, und man kann sich gut vorstellen, dass auch sie hitzig diskutiert wurde.

 

Und da ist noch das Menschliche

Un ein dritter Aspekt heizte die Diskussion oft auf.

Dazu eine Beispielm

Der Professor Kluge hat sich vorgenommen, unvoreingenommen über Hypnose zu berichten. Das war im Jahre 1811.

Wenn man Kluges Buch ansieht, muss man es sagen: Der Mann hat unglaublich viele Literatur zusammengetragen, und man kann durchaus davon ausgehen, dass es mit der unvoreingenommenen Berichterstattung geklappt hat.

Bis auf die Sache mit den Franzosen.

Kluge hält wenig von den Arbeiten seiner französischen Kollegen. Diesen Arbeiten mangelt es an der notwendigen Qualität, behauptet er.

Kluge hat sich überlegt, ob er alle Hinweise auf französische Arbeiten aus seinem Buch kippen soll.

So weit wollte er dann doch nicht gehen.

Und so fand er eine raffinierte Lösung für das Frankreich-Problem:

Er nahm französische Arbeiten auf - aber nur, wenn die Ergebnisse dieser Arbeiten von qualitätvollen Arbeiten aus anderen Ländern gestützt wurden.

Denn dann stand man wissenschaftlich auf der sicheren Seite...

Kluges Überlegungen werfen ein Schlaglicht auf ein Problem, das damals wichtig war: Wissenschafter aus Deutschland (,Teutschland', wie Kluge noch schrieb) und Wissenschafter aus Frankreich waren einander gegenüber oft sehr feindselig eingestellt

Wobei noch dies zu sagen ist:

Die französischen Gelehrten ihrerseits waren sich auch untereinander uneins.

Es gab zwei Schulen, die sich heftig bekämpften...

Quelle: Kluge

 

 

Wo werden diese heilenden Kräfte wirksam?

 

Ein Professor hat dies seinerzeit so dargestellt:

 

(1)

Mit den Kräften kann man lindern - man kann die Auswirkungen  einer Krankeit beseitigen und dafür sorgen, dass es den kranken Leuten besser geht.

 

(2)

Schmerzen verhindern: Hier geht es darum, künftige Schmerzen zu vermeiden  - in diesen Bereich gehören jene Einwirkungen, die zu einer schmerzfreien Operation führen.

 

(3)

Selbstmedikation: Die Kräfte werden so eingesetzt, dass die kranken Leute selber herausfinden, wie sie gesund werden können.

Due Patienten und Patientinnen können in diesem Falle dem Arzt sagen, was dieser tun muss, damit sie gesund werden.

 

 

Wer darf die Hypnose einsetzen?

Da gehen die Meinungen im 19. Jahrhundert auseinander. 

Manche Leute waren der Meinung, dass nur Ärzte die Hypnose zum Heilen brauchen dürften.

Andere (so etwa John James) schlugen ein anderes Modell vor: James war kein Arzt, aber er arbeitete mit Ärzten zusammen, die ihm Patientinnen und Patienten überwiesen - oft handelte es sich bei diesen kranken Menschen um Leute, bei denen die Ärzte nicht mehr weiterwussten.

Daneben gab es eine dritte Variante: Die Hypnose wurde als Heilmittel angesehen, dass familienintern angewendet wurde - die Hypnose reihte sich damit in die Reihe der medizinischen Hausmittel ein. 

Und nicht vergessen darf man Esdaile: Er hat seinen Assistenten eine Aufgabe übertragen. Sie mussten die Leute, die er operieren wollte, in einen hypnotischen Zustand zu versetzenm

Quellen: Davey, James

 

Welche Variante ist die beste?

Wenn Ärzte selber hypnotisieren, stellt sich ein praktisches Problem.

 

Die Hypnose als Heilmittel - und ein praktisches Problem 

Dass Hynose heilen und lindern kann, ist im  19. Jahrhundert weitgehend unbestritten - weitgehend unbestritten, weil es nach wie vor Leute gibt,  die die Erfolgsberichte von Heilungen grundsätzlich als Humbug bezeichnen.

 

Setzt sich die Hypnose als Heilmittel durch?

John James ist ein nüchterner Mann. Er fragt sich im Jahre 1879, warum es der Hypnose trotz unbestreitbarer Erfolge nicht gelungen ist sich  durchzusetzen

Warum hört man sowenig von der Hypnose?', fragt sich John James.

Dafür gibt es, so sagt James, einen praktischen Grund:

Die Hypnose braucht zu viel Zeit.

Es kann passieren, dass ein Arzt eine Stunde lang oder noch länger an einem Krankenbett sitzt und hypnotisiert - und dies sogar mehrmals an einem Tag und über einen längeren Zeitraum hinweg.

Doch wie John James richtig feststellt, kann es sich kein Arzt leisten, seine gutlaufende Praxis zu verlassen und die nächsten Stunden am Bett eines kranken Menschen zu verbringen.

Besser für ihn ist es, wenn er eine kranke Person untersucht, ihr ein Medikament verschreibt, das jemand anders ausstellt, und sich dann der nächsten Person zuwendet, bei der er genau gleich vorgeht.

 

Quelle: John James

 

Übrigens 

Wer daran interessiert ist, welchen Zeitaufwand die Hypnose bei schmerzfreien Operationen benötigt, kann einen Blick in Esdailes Buch ,Mesmerism in India' werfen - und wird es bestätigt finden:

Der Zeitaufwand ist zuweilen enorm!

 

Und wer an Heilungen interessiert ist, die im.19. beobachtet wurde, schaut sich mit Vorteil die Zeitschrift Zoist an.

Viele Artikel beinhalten zwar wortgewaltige Tiraden gegen jene Leute, die der Hypnose skeptisch gegenüberstehen.

Aber die Zeitschrift enthält auch viele Artikel, die sich sehr detailliert mit Heilungen in Hypnose beschäftigen 

 

 

Heilungen: Braucht man in der Hypnose keine Brille?

Diese Frage kann hier nicht abschliessend beantwortet werden ... Hingegen sei auf eine Beobachtung aus früheren Jahren hingewiesen.

Die Frau hatte die Augen verbunden. Man hielt ihr ein Buch hin - auch mit verbundenen Augen konnte sie im Buch lesen.

Irgendwie hatte man dabei ein ungutes Gefühl. Mit dem Verbinden der Augen hatte es nicht so recht geklappt, und so bestand die Möglichkeit, dass die Frau im hypnotischen Zustand an dem Verband um ihre Augen vorbei ganz einfach das gelesen hatte, was sie mit ihren Augen doch noch zu sehen vermochte.

Due Frau wurde in den alltäglichen Wachzustand zurückversetzt. Man legte ihr eine Text vor, den sie  lesen sollte. Doch daraus wurde nichts. Die Frau sagte, dass sie ohne ihre Brille nicht in der Lage sei, Texte zu lesen.

Die Frau setzte sich die Brille auf, und es klappte mit dem Lesen. 

Das gleiche Phänomen zeigte sich auch bei Näharbeiten. Wenn die Frau im Normalzustand Näharbeiten vornehmen wollte, gelang ihr dies, wenn überhaupt, nur dann, wenn sie eine Brille trug. Im hypnotischen Zustand war ihr dies problemlos  möglich - ohne Brille.

Die Leute, die beim Experiment dabei waren, vermochten sich problemlos davon überzeugen, dass die Frau eine ausgeprägte Sehschwäche hatte: Diese Leute konnten, als sie sich die Brille selber aufsetzten, überhaupt nicht mehr lesen  - für Normalsichtige war die Brille so stark, dass sie ein Lesen verunmöglichte.

Aus: Journal du magnétisme 1858 351

 

 

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