Ethisch fragwürdiges Vorgehen
Wenn man in alten Büchern blättert, stößt man immer wieder auf Dinge, die aus heutiger Sicht ethisch fragwürdig sind.
Hier einige Beispiele
I
Bewusst Schmerzen herbeiführen: Brandwunden
Der Wissenschafter Binet erwähnt, dass Charcot, der damalige Starpsychiater, bei einer Patientin Brandwunden suggerierte.
Damit wird auf ein Vorgehen verwiesen, das wir in dieser Form heutzutage ganz bestimmt nicht mehr tolerieren würden.
Denn es ist ein Vorgehen, das für die beteiligte Person höchst unangenehm ist.
Brandwunden sind auch dann Brandwunden, wenn sie suggeriert worden sind. Sie schmerzen wie andere Brandwunden auch - und sie schmerzen heftig und oft ziemlich lange.
II
Schmerzen in Kauf nehmen: Sensibilitätskontrollen
Hypnotiseure kontrollierten jeweils, wie es um die Sensibilität der hypnotisierten Leute stand: Nahmen sie Reize aus der Umwelt wahr? Waren sie schmerz-unempfindlich?
Überprüft wurde dies oft auf eine rabiate Art und Weise: Die Hypnotiseure ließen die Leute Amoniak einatmen. Oder mit Amoniak versetzte Flüssigkeiten trinken. Oder man kniff die Leute, um die Schmerzenpfindlichkeit zu überprüfen - oft kniff man so fest, dass Blut hervortrat.
Häufig stellten die Hypnotiseure fest, dass die Leute nicht auf diese Reize reagierten und keine unangenehmen Empfindungen verspürten.
Die Empfindungen kamen jedoch später. Die Leute hatten Halsweh, weil sie mit Amoniak versetztes Wasser zu sich genommen hatten. Und die Stellen am Körper, wo sie bis auf Blut gekniffen worden waren, schmerzten.
Das menschliche Nadelkissen
Der Arzt Esdaile hatte es sich angewöhnt, zu seinen Operationen Beobachter einzuladen.
Bei dem Patienten, von dem hier die Rede ist, waren es mehrere Dutzend Ärzte, die dem Wirken Esdailes zuschauten.
Diese Ärzte schauten nicht nur zu; sie untersuchten auch den Patienten. Sie wollten wissen, wie es um seine Sensibilität stand. Dabei behalfen sie sich mit Nadeln.
Es war nicht ganz einfach, den Patienten aus der Hypnose hervorzuholen. Es gelang dann aber doch - nur klagte der Patient über Schmerzen.
Es waren nicht Schmerzen gewesen, die als Folge der Operation auftraten. Es waren Schmerzen von den zahlreichen Nadelstichen, mit denen die Ärzte die Sensibilität des Patienten untersucht hatten.
Der Patient sei ihm wie ein menschliches Nadelkissen vorgekommen, stellt Esdaile fest.
Und er fasste einen Entschluss:
Künftig würden die Ärzte alle Nadeln abgeben müssen, bevor sie Esdaile bei seiner Arbeit beobachten durften.
III
Unangenehme Ermpfindungem suggerieren
Zu diesen unangenehmen Empfindungen gehört Übelkeit
"Bei der Suggestion von Unwohlsein erbricht sie in wenigen Augenblicken - ohne jede Hilfe - den Inhalt ihres Magens."
Jendrássik, 1888, S. 321
In diesen Bereich gehören auch Suggestionen, bei der der Patientin vorgegeben wird, dass es sich bei dem Wasser, das sie zu trinken bekommt, um Essig handle.
Oder bei denen den Leuten suggeriert wird, eine Schlange befinde sich im Raum.
Erschreckend ist das Vorgehen eines Hypnotiseurs, der Folgendes berichtet:
Der Hypnotiseur gab der Patientin Kohlenstücke zum Essen und sagte ihr, dass es sich um Kuchen handelte.
Die Patientin rauchte eine Zigarre und glaubte, ein Karamel zu lutschen.
Ein magnetisierter Stuhl wurde auf einem Tisch platziert; die Patientin setzte sich auf ihn. Sie wollte aus dem Zimmer fliehen, doch die Türen waren magnetisiert und sie konnte sie nicht öffnen.
Der Hypnotiseur berührte berührte den Hals der Frau und sagte ihr, dass ihr Kopf abgeschnitten worden sei. Sie stiess einen Schreckensschrei aus - sie glaubte ihren abgeschlagenen Kopf auf dem Tisch liegen zu sehen und fühlte, wie ihr Blut aus dem Körper wich.
Comte de Choiseul in Journal du magnetism 1857 247 - 252 journal_du_magnétisme-v16_1857.pdf
Übrigens:
Der Comte bedankt sich bei der Person, die ihn auf die Möglichkeiten der Suggestion aufmerksam gemacht hat. Der Comte hat diese Möglichkeiten ausgelotet, und er hat die Zeit, zu der er dies tat, sehr genossen...
IV
Patientinnen lächerlich machen - posthypnotische Suggestionen
Da suggerierte man den Patientinnen, Dinge zu tun, die für sie unangenehm und peinlich waren und sie zuweilen auch der Lächerlichkeit preisgaben.
Man gab einer Patientin zum Beispiel die posthypnotische Suggestion, sich mit einem Blumenstrauss zu einer bestimmten Zeit beim Arzt vor dessen Privatwohnung einzufinden, dort zu läuten und den Blumenstrauß zu überreichen.
Die Patientin tat dies, und das war ihr ausgesprochen peinlich: Sie wusste nicht, dass ihr in der Hypnose dieser Auftrag gegeben worden war.
Deshalb stand sie vor der Türe und suchte verzweifelt nach einer Erklärung dafür, warum sie vor der Türe stand.
V
Hypnose: Auftrag zum Mord?
Immer wieder diskutiert wurde die Frage, ob man eine Person in der Hypnose dazu bringen kann, etwas zu tun, das sie eigentlich gar nicht tun will - kann man eine Person dazu überreden, gegen ihren Willen in der Hypnose beispielsweise einen Mord zu begehen?
Einige Beobachtungen, die in diesem Zusammenhang gemacht wurden.
Direkte Ansätze
Da ist zum Beispiel eine kurze Bemerkung eines Autors:
"Suggestion, Dr X. posthypnotisch zu ermorden. Man gibt der Patientin ein gerolltes Papier und suggeriert es als Dolch. Erwacht schleicht sie sich hinter Dr. X. und sticht mit der Rolle wütend nach ihm."
Krafft-Ebing, 1889, zweite Auflage, S. 25
Albert Moll, 1890, S. 286, äussert sich ebenfalls zu dieser Frage. Er weist zuerst darauf hin, dass die Gelehrten unterschiedlicher Meinung sind: Einige gehen davon aus, dass Verbrechen in Hypnose möglich sind, andere halten dies für undenkbar. Allerdings, so fährt Moll fort, hat ein Autor mit dem Namen Liégeois diesbezügliche Untersuchungen
"mit allen äusseren Anzeichen des Ernstes, selbst mit Beteiligung von Gerichtsbeamten, angestellt" - und bestätigt gefunden, dass die Leute tatsächlich bereit sind, auf eine entsprechende Suggestion hin tätlich zu werden.
Indirekte Ansätze
Bei den wrwähnten Beispielen handelt es sich um direkte Aufträge.
Es gibt aber eine andere Form der Suggestionen. Bei ihnen fordert man die Person nicht direkt auf, etwas zu tun. Man kreiert stattdessen eine Situation, in der sich die Persönlichkeit selbst dazu entschließt, das gewünschte Verhalten zu zeigen.
Ein Beispiel:
Man suggeriert einer Person nicht direkt, dass sie dem Kollegen X ein Buch stehlen soll.
Aber man suggeriert ihr, dass der Kollege X schon lange von der Person ein Buch erhalten hat. Dieser Kollege aber, so suggeriert man weiter, weigert sich standhaft, das Buch herauszurücken.
Macht sich in diesem Fall die Person zum Kollegen auf und entwendet ihm dieses Buch, hat man die Person dazu gebracht, eine strafbare Handlung zu begehen ...
V
Kindsentführung?
Schon Esdaile stellte es fest:
Es war ihm möglich, Menschen in Hypnose zu versetzen. In diesem hypnotischen Zustand marschierten die Menschen an einen Ort und in eine Richtung, die der Hypnotiseur vorgab - scheinbar willenlos und ohne dass sie sich dessen bewusst waren.
Esdaile arbeitete im Indien, und dort gab es das Gerücht, dass auf diese Weise Kinder entführt wurden.
Mehr dazu:
Dass solche Entführungen tatsächlich möglich waren, beeindruckte Esdaile.
Die ethische Seite der Hypnose wurde ihm bewusst. Er sagt denn auch, dass die Hypnose sowohl Gutes als auch Böses bewirken kann.
Esdaile war im Übrigen der Ansicht, dass das heilende Potential der Hypnose ein Geschenk der Natur darstellt.
Ein Geschenk, das die Natur jenen Menschen zukommen lässt, die Hilfe brauchen.
Esdaile setzte die Hypnose denn auch bei kranken Leuten ein. - und dies immer mit dem Zweck, diesen Leuten zu helfen.
Gesunde Menschen hypnotisierte er nicht. Veranstaltungen, bei denen allerlei Kunststücke in Hypnose demonstriert wurden, waren ihm zuwider.
Esdaile, 1846, S. 103
Zum Buch von Esdaile hier
VI
Falsche Erinnerungen
Dass man den Leuten in Hypnose falsche Erinnerungen einpflanzen kann, war bereits im Goldenen Zeitalter der Hypnose bekannt.
Auch dies kann in einer ethische fragwürdigen Art und Weise geschehen. Problematisch wird es dann, wenn belastende Erinnerungen eingepflanzt werden - etwa dann, wenn man einer Frau suggeriert, dass sie von einem Mann belästigt oder gar missbraucht worden sei.
Vl
Über Macht und Ohnmacht in der Hypnose - und das Rollenbild der Hypnotiseure
Hypnotiseure der damaligen Zeit arbeiteten aus einer Machtposition heraus. Aus ihrer Sicht konnten sie den Leuten suggerieren, was sie wollten und sie konnten ihnen auch ihren Willen aufzwingen. Sie konnten sie wie ein Hund bellen lassen. Oder sie konnten sie zum Erbrechen bringen. Oder Brandwunden suggerieren ...
Aus manchen Schilderungen bekommt man diesen Eindruck: Wenn die Hypnotiseure eine Person hypnotisierten, demonstrierten sie zuerst einmal, dass sie die Oberhand hatten und in der Lage waren, der hypnotisierten Person ihren Willen aufzuzwingen.
Häufig geschah dies, indem sie die Personen veranlassten, unangenehme oder herabwürdigende Dinge zu tun - Dinge, die vollkommen überflüssig waren und die den hypnotisierten Personen in keiner Art und Weise halfen.
Blickt man aus der heutigen Sicht auf die Goldene Zeit der Hypnose zurück, muss man es leider sagen:
Das war dumm.
Denn diese Machtspiele schadeten der Hypnose. Sie stand bei vielen Leuten - nicht ganz zu Unrecht - im Ruf, eine Methode zu sein, bei der man sich in die Hände eines Hypnotiseurs begab, der dann halt eben mit einem machte, was er wollte.
Das Goldene Zeitalter der Hypnose
Erstelle deine eigene Website mit Webador