1847
"Ich habe in der Tat Leute gesehen, die sich Zähne ziehen liessen, die sich eine Brust amputieren liessen, die sich extrem schmerzhafte Tumore entfernen liessen ... die Operation über sich ergehen liessen, ohne dass man einen Schrei gehört hätte.
Doch was beweist dies alles, wenn nicht das Vorliegen einer Scharlatanerie der schlimmsten Art, einer absolut unwürdigen Verschwörung?"
Leicht gekürzter Auszug aus der Zeitschrift ,Journal de la médecine homéopathique' vom Mai 1847, erschienen in Journal du Magnétisme V, S. 60, 1847
1846
,Pain is a natural curative power.'
Dr. Copland, zit. nach Esdaile, S.xxi
1846
"Wie neu und ungewöhnlich das Thema meines Buches auch sein mag - ich glaube trotzdem, dass es Dich freuen wird zu hören, dass ich eine neue und wirksame Methode eingeführt und, wie ich hoffe, etabliert habe, die menschliches Leid unter den Bewohnern von Bengal lindern kann."
Ein Brief vom Jame Esdaile an seinen Vater.
Nach Esdaile 1846, S. vi
Gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts zu gab es Berichte über schmerzfreie Operationen.
Wie man aus den drei Zitaten ersieht, waren die Meinungen darüber geteilt: Manche sahen darin ein Segen für die Menschheit, für andere war der Schmerz etwas Heilsames, das keineswegs aus dem Operationssaal verbannt werden durfte. Und schliesslich gab es auch Leute, die die Berichte von schmerzfreien Operatiinen als pure Fake-News abtaten.
Eine kurze Geschichte der schmerzfreien Operationen
In der Hypnose erreichen die Menschen oft einen Zustand, in dem sie keinen Schmerz empfinden. Man kann sie kneifen und brennen - doch die zu erwartenden Schmerzempfindungen bleiben aus.
Dies wurde erstmals vom Baron Dupotet festgestellt, und zwar im Hotel-Dieu in Paris.
Das war 1820.
Diese Schmerzfreiheit kann ausgenutzt werden - und zwar dann, wenn ein Mensch operiert wird. Liegt bei einem Menschen Schmerzfreiheit vor, verläuft auch eine Operation schmerzfrei.
Doch bevor dies geschah, musste jemand kommen und diese Erkenntnis in die Praxis umsetzen. Oder anders gesagt: Jemand musste den Mut haben, einen Menschen während der Phase der Schmerzfreiheit zu operieren
Bis es soweit war, vergingen einige Jahre.
1829 war es so weit.
Jules Cloquet führte die erste dokumentierte schmerzfreie Operation durch, bei der mit Hypnose gearbeitet wurde.
Er amputierte einer Frau die Brust; diede Frau war von einem Hypnotiseur in den schmerzfreien Zustand versetzt worden
Er berichtete darüber, und es fällt auf, wie vorsichtig er dies tut. Er scheint realisiert zu haben, dass schmerzfreie Operationen für die Ärzte jenseits des Horizont des Denkbaren lagen.
Er rechnete auch damit, dass man ihm vorwerfen würde, das zu präsentieren, was man heute ,Fake-News' nennt.
Was denn auch wirklich geschah.Cloquet wurde lächerlich gemacht - und die Wahrhaftigkeit seiner schmerzfreien Operation wurde angezweifelt.
Journal du Magnétisme, 1848 v 7 S 331
Lächerlich gemacht wurde Cloquet von Mr. Rumball - der im Übrigen ein glühender Vertreter der Ansicht war, dass der Schmerz grundsätzlich etwas Gutes sei.
(Es ist fast ein wenig beklemmend, die Ausführungen von Mr Rumball zu lesen: Wissenschaftliche Diskussionen zu führen, indem man Leute lächerlich macht und sie als Lügner darstellt - das ist keine Erfindung unserer Zeit. Das gab es schon damals).
Wobei man auch dies beachten muss: Das war die erste dokumentierte schmerzfreie Operation - ob es vorher schon Ärzte gegeben hat, die die Hypnose entsprechend eingesetzt haben, ist unklar.
Heute vergessen wir gerne, wie wichtig diese erste schmerzfreie Operation war. Für uns ist es selbstverständlich, dass wir in Narkose operiert werden und dabei keine Schmerzen empfinden.
Zur Zeit, zu der Du Potet und Cloquet lebten, gab es diese Möglichkeit nicht. Es gab nichts, das die Schmerzen bei einer Operation mildern oder gar beseitigen konnte.
Deshalb war es furchtbar, eine Operation über sich ergehen lassen zu müssen. Schmerzen bei Operationen waren eine Geisel der Menschheit, und die entsetzlichen Schmerzen trugen nicht selten dazu bei, dass viele Patienten und Patientinnen eine Operation nicht überlebten.
Das macht es verständlich, warum die Entdeckung schmerzfreier Operationen so bedeutend war.
James Esdaile
Eine prominente Rolle im Zusammenhang mit schmerzfreien Operationen nimmt dabei James Esdaile ein.
Er hypnotisierte in Indien Patientinnen und Patienten. Das ermöglichte es ihm, schmerzfreie Operationen, zu denen auch Amputationen gehörten, vorzunehmen.
Der übliche Weg hätte darin bestanden, dass Esdaile seine Beobachtungen in einer medizinischen Fachzeitschrift veröffentlicht hätte. Esdaile aber wählte einen anderen Weg: Er publizierte ein Buch, das für die damalige Zeit sehr schnell erschien:
Esdaile war 1845 in Indien tätig, bereits1846 lag sein Buch vor - und manche Ärzte nahmen es ihm übel, dass er den direkten Weg in die Öffentlichkeit gesucht hatte.
Verschiedene Punkte fallen bei Esdaile auf:
Ein eigenartiges Motiv
Esdaile beschäftigte sich ohne grossen Ehrgeiz und ohne grosse Ziele mit der Hypnose.
Dass es sich mit der Hypnose auseinandersetze, scheint einem banalen Motiv entsprungen zu sein - es war ihm langweilig, und offenbar suchte er nach einem Thema, das ihn ein wenig ablenkte.
Weniger Wissen geht fast nicht
Esdailes Patientinnen und Patienten befanden sich in einem hypnotischen Zustand, und in diesem Zustand waren schmerzfreie Operationen möglich.
Liest man da Buch von Esdaile, ist man geradezu erschüttert:
Esdaile wusste fast nichts über die Hypnose. Er hatte vorher noch nie jemanden im Hypnose versetzt. Er hatte noch nie einem Hypnotiseur zugeschaut - und das wenige, das er über Hypnose wusste, hatte er den Zeitungen entnommen.
(Ihm assistierte ein ihm untergeordneter Chirurg. Dieser war zwar schon einmal dabei gewesen, als jemand hypnotisiert wurde. Eine echte Hilfe vermochte er Esdaile jedoch nicht sein: Diese Hypnose war ein Misserfolg gewesen.)
Wenn der Koch hypnotisiert
Esdaile unternahm erste Versuche mit der Hypnose.
Der Erfolg war zwar beachtlich, doch Esdaile fühlte sich bald einmal ausgelaugt.
Bevor er zusammenbrach, fand er eine interessante Lösung für sein Problem:
Die Aufgabe, Patienten und Patientinnen zu hypnotisieren, übertrug er anderen Leuten.
Diese Leute rekrutierte er aus dem Spitalpersonal. Und so wurden Köche, Türsteher und andere Berufsleute zu Hypnotiseuren umgeschult - ein Vorgehen, das sich bestens bewährte, wie Esdaile vermerkt.
"Wann immer ein Hypnotiseur gesucht wurde, brachten meine Assistenten einen gesunden jungen Mann herbei, der daran interessiert war, die Hypnose zu lernen. Und unter der Anleitung meiner Assistenten wurde dieser Mann dann jeweils innerhalb einer Woche zu einem fähigen Hypnotiseur."
Wobei ,fähiger Hypnotiseur ' heisst:
Der als Hypnotiseur ausgebildete Mann war in der Lage, die Patientinnen und Patienten in jenen hypnotischen Zustand zu versetzen, in dem sie keine Schmerzen empfanden.
Dann konnte Esdaile mit seiner Operation beginnen.
Esdaile, 1852, S. 131. Z 31 7 2026
Nüchtern und sprachlos: Wie der hypnotische Zustand herbeigeführt wurde
In der heutigen Hypnotherapie wird mit Sprache gearbeitet: Therapeutinnen und Therapeuten sprechen mit den Menschen, die in einen hypnotischen Zustand versetzt werden sollen - und es ist das Medium ,Sprache', das ganz wesentlich dazu beiträgt, dass ein hypnotischer Zustand erreicht wird.
Esdaile, Äther und das Chloroform
Esdaile war nicht der erste Arzt, der eine schmerzfreie Operation in Hypnose durchführte.
Aber dem Wirken von Esdaile kommt ein grosses Gewicht zu: Banal ausgedrückt hat er bewiesen, dass die Hypnose in der Praxis funktioniert und schmerzfreie Operationen zulässt.
Von da her war ein Pionier.
Doch zwei Gründe erschwerten es, dass er allgemein bekannt und geschätzt wurde.
Der eine Grund hat mit Äther, Chloroform und Lachgas zu tun.
Dass Lachgas eine schmerzstillende Wirkung besitzt, war seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Eingesetzt wurde es jedoch selten. Und so sollte es bis ins Jahr 1842 dauern, bis bei einer Operation Äther zum Einsatz kam. Und ebenfalls seine Zeit brauchte es, bis sich das Chloroform durchsetzte.
Esdaile operierte in Indien 1845 - und man ersieht daraus, dass er dies zu einem Zeitpunkt tat, zu dem chemische Narkosemittel ihren Siegeszug antraten.
Dass dadurch schmerzfreie Operationen in Hypnose ins Hintertreffen gerieten, ist durchaus verständlich.
Mesmer ...
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Esdaile oft wenig beachtet wurde.
Die Grundlage für Esdailes Wirken bildeten die Arbeiten von Mesmer. Es ist von da her kein Zufall, dass Esdailes Buch den Titel ,Mesmerism in India' trägt.
Mesmer und der Mesmerismus gerieten jedoch in Ungnade: Die Annahmen, von denen Mesmer ausging, betrachtete man als falsch und als wissenschaftlich überholt.
Mesmer selbst galt in den Augen mancher Leute als Quacksalber und Scharlatan.
Ärzte, die sich auf ihn beriefen, fielen häufig in Ungnade - was manche Ärzte dazu veranlasste, Hypnose nur im Geheimen einzusetzen. Hätten sie sie in aller Öffentlichkeit angewendet, hätten sie Patientinnen und Patienten verloren ...
Das machte die Situation für Esdaile nicht gerade einfach.
Schmerzfreie Operationen in Hypnose heute: noch immer eine Seltenheit
Ab und zu werden Operationen in Hypnose durchgeführt. Doch solche Operationen sind seltene Ereignisse, die in der Presse denn auch entsprechend gewürdigt werden
Eine breite Öffentlichkeit nimmt dann überrascht zur Kenntnis, dass solche Operationen möglich sind - und ebenso überrascht es viele Leute, dass man um die Möglichkeit schmerzfreier Operationen in Hypnose schon seit fast 200 Jahren weiss.
Lesetipp: Hypnose und Schmerz - was weiss man heute?
Wie verhält es sich mit der Hypnose, wenn es um Schmerzen geht? Macht es Sinn, mit Hypnose zu arbeiten, wenn Schmerzen bekämpft werden sollen?
Wenn Sie an diesen Fragen interessiert sind, kann Ihnen folgender topseriöser Artikel empfohlen werden:
Adina Yerzhan et al:
The use if medical hypnosis to prevent and treat acute and chronic pain: a Systematic Review and Meta-Analysis.
J clinic med 2025 jul 1, 14(13) 4661 doi 103390/jcm1434661. Z. 12 8 2026
Fazit:
Hypnose schneidet bei akuten Schmerzen gut ab, weniger dagegen bei chronischen Schmerzen - wobei es hier offenbar schwierig ist, zu gesicherten Aussagen zu kommen.
Und noch ein Fazit:
Auch heute noch sind verschiedene Dinge unklar, wenn es um Hypnose geht:
Die exakten Mechanismen, mit denen die Hypnose die Neurophysiologie beeinflusst, liegen noch nicht fest, bilanziert Yerzhan.
Was eigentlich absolut verblüffend ist: Mehr als 150 Jahre sind es her, seit sich unsere Urväter aufmachten, hinter die Geheimnisse der Hypnose zu kommen ...
Lesetipp: Joseph Lister
Wenn Sie sich die entsetzliche Situation der Medizin zu einer Zeit vorstellen wollen, zu der es kein Mittel gegen Schmerzen gab, kann ich ihnen folgendes Buch empfehlen:
Lindsey Fitzharris: Der Horror der frühen Chirurgie. Suhrkamp 2023.
Lindsey schildert am Abfang des Buches die nun wirklich grauenhaften Zustände, die damals in den Operationssälen herrschten.
Das Buch von Lindsey Harris ist dem Arzt Dr. Joseph Lister gewidmet.
Lister ist erstaunlicherweise in der heutigen Zeit so gut wie unbekannt - es gibt ein Angebot mit dem Namen ,Listeribe', das bei der Zahnpflege hilft. Doch die wenigsten Leute verbinden diesen Markennamen mit dem Mann Josepph Lister.
Zu unrecht:
Lister setzte durch, dass das Chloroform als Mittel verwendet wurde, um schmerzfreie Operationen zu ermöglichen. Er war ein Arzt, den man mit Fug und Recht als Wohltäter der Menschheit bezeichnen darf.
Fluid, Mesmerismus und die Frage: Welche Kräfte wirken in der Hypnose?
Zu Esdaile und seinem Buch:
Alte Bücher - kurz vorgestellt
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