Eine schlichte Frage:

Was versetzt eigentlich eine Person in Hypnose?

 

Und noch eine schlichte Frage:

Wie kommt es, dass bei den Menschen jene Phänomene auftreten, die wir in der Hypnose beobachten?

 

Das sind zwei schlichte Fragen.

Doch es ist so, wie es bei schlichten Fragen immer ist:

Sie sind schwierig zu beantworten.

 

Ein Blick in die damaligen Bücher und Zeitschriften zeigt es: Auf diese Fragen wurden sehr unterschiedliche Antworten gegeben.

 

 

Antwort 1

Der Wille des Hypnotiseurs ist entscheidend

 

Diese Erklärung setzt hier an:

Von der Person, die hypnotisiert, geht eine Kraft aus. Und es ist diese Kraft, die dazu führt, dass eine Hypnose eintritt.

Diese Kraft aber speist sich aus dem Willen der Person, die hypnotisiert.

Dabei gilt eine einfache Gleichung:

Je stärker der Wille ist, bei einer anderen Person etwas zu bewirken, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Hypnose die gewünschte Wirkung entfaltet.

Man könnte dies auch so sagen: Der Wille des Hypnotiseurs zwingt eine Person in die Hypnose und ruft dort die gewünschten Wirkungen hervor.

Ein Autor fasst diese Annahme zusammen, indem er auf seine Beobachtungen verweist: 

Er hat bei seinen Patientinnen und Patienten verschiedene Phänomene  - so zum Beispiel Taubheit in den Gliedern -  herbeigeführt.

Dabei genügtees, dass der Autor sagte:

'Ich will.'

Ordinaire, P. C. In Journal du Magnétisme, 1850, S. 120

28. 7. 2026

Oder um es mit einem anderen Autor zu sagen:

Alle Phänomene, die während der Hypnose auftreten,  konnte er mit seinem Willen erreichen.

Zoist,  v 8, n 30, 1950.

 

 

 

Antwort 2

Hypnosen werden mit einer Kraft herbeigeführt, die von der Natur zur Verfügung gestellt wird

Die Kraft, die eine Hypnose bewirkt, speist sich aus der Natur.

Dahinter steckt die Vorstellung, dass die Natur eine Kraft anbietet, die gewissermassen angezapft und ausgenutzt werden kann.

Esdaile, der in Indien schmerzfreie Operationen in Hypnose durchführte, liess sich von dieser Vorstellung leiten.

Er liess sich zudem von der Vorstellung leiten, dass die Natur diese Kraft den Bedürftigen zur Verfügung stellt.

Da die Kraft für die Bedürftigen gedacht war, hypnotisierte Esdail ausschliesslich kranke Personen.

Um die Kraft anzapfen und ausnutzen zu können, muss man allerdings wissen, wie man das macht.

 

Diese Vorstellung lässt sich von der Elektrizität leiten:

In der Natur ist die Elektrizität verborgen. Menschen können sie jedoch zu ihrem Vorteil ausnutzen - wenn sie herausfinden, wie sie dies tun können.

 

 

 

Antwort 3

Der Hypnotiseur weckt Kräfte, über die die hypnotisierte Person zwar verfügt, die sie aber bislang noch nicht ausgenutzt hat.

Dieser Erklärungsansatz hat nichts damit zu tun, dass Kräfte auf die hypnotisierte Person einwirken.

Wenn Hypnosen wirken, hat dies einen andern Grund:

Hypnosen ermöglichen es der hypnotisierten Person, eigene Kräfte und Fähigkeiten zu aktivieren, die ln ihr vorher brach lagen.

Die Aufgabe eins Hypnothiseurs ist dann die: Er muss dafür sorgen, dass due hypnotisierte Person ihre eigenen Kräfte aktivieren kann.

 

 

Antwort 4

Hypnosen wirken, weil  eine Vorstellung zur Wirklichkeit wird

Diese Erklärung setzt bei der Vorstellung an, und auch hier gilt eine einfache Gleichung:

Was man sich vorstellt, setzt sich früher oder später in die Realität um.

Und so muss der Hypnotiseur dafpr sorgen, dass einem Menschen eine bestimmte Vorstellung eingepflanzt.

Wer kalte Hände hat, dem wird die Vorstellung von warmen Händen nahegelegt - und wenn die Vorstellung der warmen Hände wirkt, erwärmen sich die Hände.

Antwort 5

Hypnose wirkt eine als wahr angenommene Tatsache 

Ein Wissenschafter namens Jendrássik gibt eine weitere - und durchaus interessante - Erklärung dafür, warum Hypnose wirken.

Hypnosen wirken über Suggestionen.

'Suggestion ist eine Einwirkung, die in dazu geeigneten Personen eine der Auffassung der suggerierten Idee konforme Wirkung, wenn sie in Wirklichkeit auch völlig falsch erscheint, als wahre Tatsache einbringt.'

Jendrássik, 1888, S. 326

 

Was das bedeutet, verdeutlicht Jendrássik am Beispiel der Brandwunden

Wenn ein Hypnotiseur einer Person eine Brandwunde suggeriert,  geht die Person davon aus, dass sie sich tatsächlich  verbrannt hat. Das ist für sie eine wahre Tatsache.

Der Körper der Person reagiert auf die als wahr angesehene Tatsache - er bildet Brandwunden.

Gleiches ist zu beobachten, wenn man einer Person suggeriert, sie habe eine übelkeitserregende  Substanz zu sich genommen. Wird dies vom Körper als  'wahre Tatsache' angesehen, kommt es zum Erbrechen,.

Jendrássik 1888, S. 321.

 

Soweit also ein Überblick über mögliche Erklärungen zur Hypnose und zu hypnotischen Wirkungen.

Wir sehen uns diese Erklärungen später an. Vorher aber muss ein Punkt klargestellt werden.

 

Hypnose ohne Worte

Heutzutage koppeln wir Hypnosen an  Worte.

Praktisch heisst das:

Wir gehen davon aus, dass Hypnotiseure bei anderen Leuten eine Hypnose herbeiführen, indem sie mit den Leuten sprechen. 

Doch man sollte immer daran denken;

Im Goldenen Zeitalter der Hypnose wurden Menschen in Hypnose versetzt, ohne dass dazu Worte gebraucht wurden.

Das zeigt sich schon bei Esdaile.

Esdaile selber führte bei den Menschen, die er behandelte, nicht immer den hypnotischen Zustand selbst herbei.

Dafür, dass die Leute in einen hypnotischen Zustand gerieten, waren seine Assistenten verantwortlich. Und diese, soweit wir dies den Schilderungen von Esdaile entnehmen können, arbeiteten ohne Worte.

Sie führten eine Hypnose herbei, indem sie mit einem geringen Abstand dem Körper der zu hypnotisierenden Person entlang fuhren.

 

Keine Suggestivfragen bitte 

In letzter Zeit hat es sich herumgesprochen, dass Suggestiv-Fragen gefährlich sind. Sie können Zeugen beeinflussen und zu falschen Aussagen führen.

Diese Gefahr besteht vor allem bei den Aussagen von Kindern, und so ist es kein Zufall, dass Leute, die Kinder befragen, besonders geschult werden - so sollen Suggestivfragen vermieden werden.

 

Suggestivfragen: Die Gefahr ist schon längst bekannt

Dass Suggestivfragen gefährlich sind - das ist keine neue Erkenntnis der modernen Psychologie.

Während des Goldenen Zeitalters der Hypnose war dies schon längst bekannt:

 

Da war ein Prozess geführt worden, und der König war mit dessen Verlauf nicht zufrieden Ein Herr Grattenauer beeilte sich, in diesem Zusammenhang ein Buch zu schreiben.

Das Buch trägt den Titel 'Über den Begriff der Suggestivfragen'.

Das Buch ist im Jahre 1803 erschienen, und es geht in ihm darum zu verhindern, dass die Richter Suggestivfragen stellen.

'Suggestivfragen' sind für Grattenauer Fragen, bei denen die Antwort dem Befragten in den Mund gelegt - und damit also suggeriert  - wird. 

Grattenauer sagt zum Beispiel, dass folgende Frage nicht zulässig ist:

'War X beim Duell ebenfalls anwesend?'

Korrekt formuliert, muss die Frage lauten:

'Wer war beim Duell anwesend?'

Man sieht daraus:

Mit Suggestionen und Suggestivfragen beschäftigt man sich schon seit langer Zeit. Man wusste, dass sie vor Gericht zu Falschaussagen führen können.

Grattenauer ist im Übrigen auch nicht der erste Autor, der die Begriffe 'Suggestion' und 'Suggestivfragen' verwendet. In seinem Traktat erwähnt Grattenauer einen Autor namens Kleinschrod, und bei ihm tönt es so:

'...denn im allgemeinen ist Suggestion eine Handlung, welche einem Andern gegründeten Anlass gibt, etwas zu sagen, wodurch er, gegen die Wahrheit, etwas bejaht oder verneint.'

Kleinschrod bezieht seine Ausführungen auf Verhandlungen, die vor Gericht geführt werden. Offensichtlich war man sich  auch dort schon früh der Gefahren bewusst, die von Suggestivfragen ausgingen.

Früh?

Das Buch von Kleinschrod erschien 1787.

 

 

Sogar den Inquisitoren bekannt

Übrigens:

Es gibt Hinweise darauf, dass die Gefahren von Suggestivfragen bereits jenen schrecklichen Mennschen bewusst waren, die im Rahmen der Inquisition ihre Opfer befragten.

Wobei man daran denken muss:

Vermutlich waren sie bekannt. Ob die Inquisitoren sich daran hielten, ist eine andere Frage.