Tischrücken mit Faraday: eine heikle Sache 

 

Michael Faraday schlug eine Erklärung für das Tischerücken vor. Die Erklärung wurde allgemein akzeptiert.

Allerdings gab es Dinge, die Faraday nicht erklären konnte. Und so gibt es bis heute einige Dinge beim Tischrücken, die noch nicht so ganz klar sind ...

 

I

Die Grundlage

 

Unheimlich: Tische tanzen

Es war damals in Mode: Einige Personen setzten sich an einen Tisch, legten ihre Hände auf den Tisch und stellten dann fest, dass sich der Tisch in die eine oder andere Richtung bewegte.

Das war vorderhand sehr rätselhaft. Manche glaubten, dass höhere Mächte im Spiel seien. Andere sagten, dass dies alles Humbug sei.

 

 

II

Michael Faraday macht einen Lösungsvorschlag

 

Dann aber wartete der berühmte Wissenschafter Michael Faraday mit einer Erklärung auf:

Die Hände der Leute, die den Tisch berühren, führen unbewusst kleine Bewegungen aus, und diese unbewussten kleinen  Bewegungen bewirken, dass sich der Tisch bewegt.

 

Ein plausibler Lösungsvorschlag

Das tönte plausibel.

Es tönte so plausibel, dass das Phänomen des Tischerückens abgehakt werden konnte:

Es wurde zu einem auf den ersten Blick merkwürdigen, aber mit einer solider Physik durchaus erklärbarem Geschehen

Höhere Mächte waren keineswegs im Spiel. Und hinter dem Tischerücken stand auch keine mysteriöse Kraft.

 

 

III

Ein Blick in alte Bücher zeigt: So einfach ist es nicht

 

Ist damit alles klar?

Ein Blick in alte Bücher stimmt nachdenklich.

Der Grund dafür:

Es gibt einige Beobachtungen, bei denen es fraglich ist, ob die Erklärung von Faraday greift.

Sehen wir uns einige dieser Beobachtungen an.

 

Tischbewegungen, wenn der Tisch nicht berührt wird

Texte in alten Büchern machen es klar:

Das Tischerücken taucht auch dann auf, wenn die Leute den Tisch nicht berühren.

Da gab es zum Beispiel Versuche, die nachwiesen, "dass die Bewegung auch dann eintrat, wenn man die Zipfel eines über den Tisch gebreiteten Tuches oder auch die Endstücke von Schnüren anfasste, die  l o s e  herabhängend an der Tischplatte befestigt waren." (Prel, S. 169)    

Oder es gab folgenden Versuch: 

"Nachdem ein Comité von elf Personen rings um den Speisetisch gesessen hatte und verschiedene Bewegungen und Tön erfolgt waren, wurden die Stühle mit ihren Rücklehnen gegen den Tisch gekehrt, ungefähr neun Zoll von demselben entfernt. Alle Anwesenden knieten hierauf auf ihre Stühle und legten ihre Arme auf die Rücklehne derselben. In dieser Stellung waren die Füsse selbstverständlich vom Tisch abgekehrt und konnten unmöglich unter ihn gesetzt werden, noch den Fussboden berühren. Die Hände wurden über dem Tische ungefähr vier Zoll von dessen Oberfläche entfernt gehalten.

In dieser Stellung war eine Berührung mit irgend einem Theile des Tisches physikalisch unmöglich.

In weniger als einer Minute bewegte sich der gänzlich unberührte Tisch viermal; zuerst ungefähr fünf Zoll nach einer Seite, hierauf ungefähr vier Zoll und zuletzt sechs Zoll. 

Eine Überprüfung nachher ergab, dass der Tisch, der in seine Einzelteile zerlegt worden war,  keine Auffälligkeiten aufwies."

Bemerkenswert ist, dass die Versuche "bei vollem Gaslicht über dem Tische" ausgeführt wurden.

Das führt zu folgendem Fazit:

"Es war keine Täuschung möglich. Die Bewegungen fanden von einer Stelle zu einer anderen im Zimmer statt und wurden gleichzeitig von allen Anwesenden beobachtet. Sie waren als Thatsachen der Messung, und nicht der blossen Meinung der Einbildung unterworfen."   

Bericht des Sub-Comités d. Dialekt. Gesellschaft von London, in Psychische Studien, 1. Jahrgang, 4. Heft (April 1874)

Aber auch sonst gibt es Phänomene beim Tischerücken, die nur schwierig zu erklären sind.

Da ist zum Beispiel eine Beobachtung, die die  Himmelsrichtungen betrifft.

 

Was hat dies alles mit dem Norden zu tun?

"Um einen Tisch herum bildeten sieben oder acht Personen eine Kette. Sie spreizten ihre Hände so, dass ihr rechter  kleiner Finger den linken kleinen Finger des Nachbarn berührte. 

Nachdem einige Zeit vergangen war - sie schwankte zwischen einer Viertelstunde und eineinhalb Stunden - bewegte sich der Tisch mit einer brüsken Bewegung nach Norden."

Journal du Magnétisme, Brief von Aug. Gathy an Monsiur Herbert, 1853, S. 184.

 

Und auch an ein anderer Stelle geht es um den Norden:

So ist es vorgekommen, dass der Tisch die Kette der um ihn herum platzierten Leute verlassen hat - worauf er dann gegen eine Wand prallte.

Gegen eine nördlich liegende Wand.

Journal du Magnétisme 1853, S. 206

 

Menschen statt Tische - wo setzen die Fingerbewegungen an?

In der Regel wurde versucht, Tische in Bewegung zu setzen; in einem Fall wurde das Gleiche mit einem Hut zu machen versucht - wobei auch dieser sich bewegte. Und es gelang auch mit einer Vase (S. 209)

Was aber passiert, wenn man nicht einen Tisch in Bewegung zu setzen versucht, sondern einen Menschen?

Drei Mal und drei Mal mit verschiedenen Personen ist dies geschehen, schreibt ein Autor:

'Ich füge noch bei, und ich garantiere für die Richtigkeit. Drei Mal ist es mit drei verschiedenen Personen durchgeführt worden: Eine Person wurde  anstelle eines Tisches ins Zentrum der Menschenkette platziert. Die Leute in der Kette hielten ihre Hände in der üblichen Art und Weise. 

Die Person in der Kette und rehte sich unwillkürlich und wie eine Maschine (machinalement) um sich.

Journal du Magnétisme, 1853, S. 207, Dr. E. Eissen   Z  21 7 2026

 

Können Fingerbewegungen dermassen kraftvoll sein?

Eine Beobachtung irritiert:

Die Tische bewegen sich oft dermassen intensiv, dass nur schwer vorstellbar ist, dass dahinter lediglich die unbewussten Fingerbewegungen der Leute steht.

So merkt denn auch ein Autor an, dass die Experimente mit den rotierenden Tischen nicht ganz ungefährlich seien: Sockeltische sind in Stücke aufgesplittert worden, und die Stücke sind den Leuten auf die Füsse gefallen.

Journal du Magnétisme, 1853, S. 207    Z 21. 7. 2026

Es ist denn auch dieser Kraftaufwand, der in vielen Beschreibungen erwähnt wird. Dass es sich nicht immer um sanfte Bewegungen handelt, schimmert in vielen Berichten der Beobachter durch.

Als Leser dieser Berichte bekommt man den Eindruck, dass die Tischbewegungen durchaus etwas Kraftvolles und damit oft auch etwas Unheimliches an sich hatten.

 

Ebenfalls viel Kraftaufwand war bei der nächsten Beobachtung im Spiel:

Zwei Männer beschäftigten sich mit einer Vase. Einer von ihnen wollte, dass die Vase während der Rotation ihre Richtung änderte. Das geschsh tatsächlich. Und es geschah schnell. In wenig mehr als 10 Sekunden reagierte die Vase. Hatte sich die Vase vorher von Nord nach Süd bewegt, hielt sie an und bewegte sich in entgegengesetzten Richtung.

Journal du Magnétisme 1853, S. 207, Amédé Latour    Z 21. 7. 2026

 

Die Frage des Kraftaufwandes stellt sich natürlich auch dann, wenn sich der Tisch mit einer "effrayante rapidité" dreht, wie die Beobachter dies festhielten.

Journal du Magnétisme, 1853, S. 212. 

 

Und ähnlich tönt es im Anhang bei Carpenter: Da ist die Rede von einem 'lifting up the leg' bei einem Tisch. Und es wird auch geschilderte, dass der Tisch 'rocked and reeled backwards and forwards"

Und schliesslich wird von einer Tischbewegung gesprochen, die man nur als ,frantic' bezeichnen könne.

In Carpener: Appendix M Diabolic Origin of Table Turning, S. 145.

 

Warum bleiben Tischbewegugen plötzlich aus?

Eine Gruppe von Leuten platziert sich in der üblichen Art und Weise um einen Tisch; jeder der teilnehmenden Leute legt seine Hände so auf den Tisch, wie dies ebenfalls üblich ist.

Nach rund sieben Minuten beginnt sich der Tisch zu drehen.

Ein Mann, der dem Experiment zuschaut, wird gebeten, einen Finger auf die rechte Schulter einer Person zu halten, die am Tisch sitzt.

Sofort hört die Rotation des Tisches auf.

Das Experiment wird auf die verschiedensten Arten wiederholt. Eine Mann berührt als Aussenstehender die Kleidung, den Kopf, den Fuss oder ein wiederholtes Mal die Schultern einer Person, die am Tisch sitzt.

Das Ergebnis ist immer das Gleiche:

In dem Moment, in dem ein Aussenstehender eine der teilnehmenden Personen berührt, hört die Rotation des Tisches auf. Hört dagegen die Berührung auf, nimmt der Tisch seine Bewegung wieder auf.

Journal du Magnétisme 1853,  S. 211  Amédé Latour   Z 21 7 2026

 

IV

Ein Wissenschafter spricht eine Warnung aus

 

Dieser Wissenschafter hält zuerst fest, dass er das Tischerücken nicht beurteilen kann. Er hütet sich davor zu sagen, was es mit dem Tischerücken auf sich hat.

Und ganz besonders hütet er sich davor zu sagen, wie es zu diesem Tischerücken kommt: Zu der so leidenschaftlich diskutierten Frage, ob beim Tischerücken überirdische Wesen im Spiel sind, äussert er sich schon gar nicht.

 

Etwas aber ist ihm klar:

Das Tischrücken muss erst genommen werden. Die Wissenschafter müssen es eingehend untersuchen - und zwar mit allen wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden, die ihnen zur Verfügung stehen.

Und wenn die Wissenschafter dies nicht tun?

Dann hört das Tischerücken auf, eine Domaine der Wissenschaft zu sein. Und damit wird es auch zum Spielball von Gauklern und Tricksern.

 

Ist das Tischerücken wissenschaftlich untersucht worden?

Nach meinem Eindruck ist dies der Fall gewesen - bis zu jenem Zeitpunkt, zu dem Faraday seinen Erklärungsversuch unterbreitet.

Von da an war das Tischerücken zu einem Thema geworden, das die Wissenschaft nicht mehr interessierte.

Das ist verständlich: Da Faraday nach der allgemeinen Meinung das Tischerücken vollkommen erklärte, gab es für die Wissenschaft keinen Grund mehr, sich mit dem Tischerücken zu beschäftigen.

Wie sollte sie auch?

Wissenschafter sollten sich nicht mit Dingen beschäftigen, die klar sind. Und erst recht sollten sie keine Fragen stellen, deren Antworten bereits feststehen.

 

 

Und heute?

Die Faraday'sche Erklärungslücke bleibt

Interessant ist die Feststellung, die man unter dem Stichwort ,table turning' findet (Encyclopedia.com,  Z. 24. 7. 2026):

,A form of psychic phenomena in which a table rotates, tilts, or rises completely off the ground by the mere contact of the fingertips of an individual or group of individuals. In exceptional cases tables have been known to move or even levitate without direct contact.'

 

Michael Faraday hat für das Phänomen des ,table turnings' in all seinen Erscheinungen eine physikalische Erklärung angeboten.

Liest man die Ausführung unter encyclopedia.com, findet man das bestätigt, was in den Ausführungen auf dieser Homepage bereits zum Ausdruck kommt: Diese physikalische Erklärung genügt nicht. Denn die Beobachtung, dass sich Tische ohne direkten Kontakt in die Luft erheben, entzieht sich der physikalischen Erklärung von Faraday.

Eine Möglichkeit, auf diese Einsicht zu reagieren, hätte so aussehen können:

Man hätte auf der physikalischen Ebene nach Ansätzen suchen können, die die Erklärungslücke schliessen, die Faraday hinterlassen hat.

Es gibt allerdings berechtigte Zweifel daran, dass dies geschehen ist.

Der Grund dafür liegt bei dem, was man die spiritistische Erklärung nennen könnte: Das so merkwürdige Verhalten der Tische wird damit erklärt, dass hier übernatürliche Wesen ins Geschehen eingreifen.

Wenn man den Artikel in der encyclopedia.com liest, stellt man fest: In einer fast endlosen Reihe von Publikationen wird diese spiritistische Erklärung diskutiert  - wobei die Diskussionen letztlich immer auf die Frage hinauslaufen, ob die spiritistische Erklärung gültig ist oder nicht.

Dagegen ist nicht einzuwenden.

Aber es wäre sinnvoll, auch ab und zu an die Physik zu denken und zu überlegen, ob es für all das auch physikalische Erklärungen gibt ....

 

Es müssen nicht immer Tische sein ... von Autos und Menschen

Es hätten sich, so berichtete eine Zeitung, einige Spitzbuben zusammengetan. Sie hätten sich so um ein Auto herum platziert, wie dies Leute tun, die einen Tisch verrücken wollen. Und sie hätten das getan, was jene Leute tun, die einen Tisch bewegen wollen. 

Und siehe da: Das Auto bewegte sich und wurde nicht zu einem tanzenden Tisch, sondern zu einem tanzenden Auto.

Und bange fragt sich der Autor des Artikels:

Was wird passieren, wenn dieses Beispiel Schule macht und alle Leute damit beginnen, Autos zum Tanzen zu bringen?

Diese Episode erschien in der Zeitschrift ,Journal du Magnétisme' aus dem Jahre 1853, und man hat den Eindruck, dass auch der Redaktor dieser Zeitschrift die Angelegenheit nicht so ganz ernst nahm.

Eine ganz andere Qualität haben dann allerdings Berichte, in denen nicht von einem drehenden Auto, sondern von drehenden Menschen die Rede ist.

xxx

 

Ergänzt wird dies durch einen Bericht, den ich hier leicht gekürzt anfüge ubd der such mit der ,Rotation der Mebschen' beschäftigt.

 

ie Rotation der Menschen ist noch leichter herbeizuführen als die Rotation der Tische und der anderer Gegenstände. Sehr ift genügt es, die Hände auf die Schultern jener Person uu legen, die man bewegen will.

Man muss seinen Willen auf die Richtubg der Bewegung legen, in der such die Person drehen soll. Nach kurzer Zeit wurd due Person durch eine innere Kraft gezwungen, ihre Beine in jene Richtung zu bewegen, die man sich erwünscht hat.'

Die Prrson stellt fest, dass hirr eine Macht oder eine Kraft im Spiel ist. Sie näher zu bestimmen gelungt drr Person nicht, fest steht für sie lediglich, dass der Ort, von dem die Kraft ausgeht, nichts mit den Händen zu tun hat, die sich auf die Schultern der Person legen.

 

Natürlich steht dues im Widerspruch zu den Erklärungen von Faraday. Bei ihm geht die Kraft, die die Ztische bewegt, ausschliessluch von den unbräewussten Fingerbewegungen der am Tischerücken Beteiligten aus. 

Wer hat nun recht?

Der Autor bringt einen interessanten Punkt ins Spiel: Tische können nicht reden, Menschen aber schon. Denn Menschen können schildern, wie sie die Situation erlebten, als eine Kraft sie zu Drehbewhungen Zwang- und die Schilderungen der Menschen sind wertvoller und sicherer als die Physikalischen Apparate, die Faraday eingesetzt hat.

Morin: De la Rotation des Personnes,

Journal du Magnétisme 1853, S.  450 - 453.

 

 

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