Über Betrug, Pfusch und Pseudowissenschaft
Auch während des Goldenen Zeitalters hat sich die Hypnose Vorwürfen ausgesetzt gesehen.
Man warf ihr vor, dass sie auf Betrug beruhte.
Man warf ihr vor, gravierende Fehler bei der Beobachtung jener Phänomene gemacht zu haben, die in der Hypnose auftreten.
Und noch so oft stand der Vorwurf im Raum, eine Pseudowissenschaft zu sein - was dann heisst, dass die Ergebnisse und Theorien im Zusammenhang mit der Erforschung der Hypnose auf unwissenschaftlichen Vorgehensweisen beruhen.
Auf dieser Seite erfahren Sie einige Dinge zum Betrug, zum Irrtum und zur Pseudowissenschaft.
BETRUG
Es gab Beobachtungen im Zusammenhang mit der Hypnose, die wir heute der Esoterik und der Parapsychologie zuordnen.
Dabei lässt es sich nicht bestreiten: Manche dieser Beobachtungen beruhten auf Betrug.
Manchmal flog der Vetrug auf, und das war dann für viele Leute der Anlass dazu, die Hypnose in Bausch und Bogen zu verwerfen.
Da ist es dann gut, sich den folgenden bedenkenswerten Satz zu Gemüte zu führen:
"Einzelne Fälle von Betrug - und deren giebt es zweifelsohne - beweisen nichts. Es hat noch nie eine ächte Waare gegeben, welche nicht ihre fälschliche Nachahmung hervorgerufen hätte."
Es sind bedenkswerte Worte, die da geäussert werden. Aber sie treffen natürlich zu: Es gibt keinen Bereich in der Wissenschaft, in welchem nicht neben ehrlichen Menschen einzelne Fälscher, Scharlatane und Betrüger am Werk gewesen sind.
Doch Einzelfälle sollte man nicht verallgemeinern - dass es einzelne Betrüger gibt, heisst nicht, dass alles auf Betrug beruht.
Das Zitat stammt vomon Mr. St. George Stock.
Stock hielt damals eine flammende Rede vor der "Oxford Union Society", und zwar am 12. Juni 1875.
Es ging dort um den Antrag, dass der Spiritualismus eine wissenschaftliche Untersuchung verdient.
Der Antrag wurde angenommen.
Nach Psychische Studien 2, 1875.
Pfusch
Hinter einem Pfusch steckt keine böse Absicht. Die Versuchsleiter wollen durchaus wissenschaftlich korrekte Experimente durchführen. Und sie wollen die Ergebnisse ihrer Experimente korrekt festhalten und sachgerecht interpretieren.
Doch dabei kann so manches schief gehen.
Ein Problem, das sich immer wieder stellt, hat mit Erwartungen zu tun - und zwar in einem doppelten Sinn:
Versuchsleiter glauben oft, das zu sehen, was sie erwartet haben. Das führt zu Beobachtungsfehlern.
Versuchspersonen verhalten sich oft so, wie die Versuchsleiter dies von ihnen erwarten. Solche Erwartungseffekte können schlimm sein, wenn sich die Versuchspersonen nach diesen Erwartungen ausrichten.
Esdaile löst das Problem auf seine Weise
Esdaile hat einen Weg gefunden, das Problem mit den Erwartungen zu lösen.
Das machte er mit einem simplen Ansatz:
Er bemühte sich darum, möglichst wenig von der Sache zu verstehen.
Praktisch heisst das:
Bevor Esdaile zu hypnotisieren begann, hatte er noch kein einziges Buch über die Hypnose gelesen.
Das machte er absichtlich so. Denn damit wollte er Erwartungseffekte verhindern: Er hatte keine Ahnung, was im Laufe der Hypnose auf ihn zukommen würde.
Doch wer keine Ahnung hat, was als nächstes passieren wird, hegt keine Erwartung darüber, was als nächstes passieren soll.
Esdaile fand, dass er nicht Bücher lesen sollte - er sollte sich durch das Buch der Natur belehren lassen.
Und noch etwas:
Esdaile verlangte immer nach Zeugen. Er holte honorige Herren, die bei seinen Hypnosen dabei sein sollten.
So konnte es denn passieren, dass nicht weniger als 5 Personen das Tun und Lassen von Esdaile beobachteten - 5 Personen, die ebenso unbefangen an die Hypnosen herangehen konnten wie Esdaile
Denn auch sie verstanden wenig bis gar nichts davon.
Und vielleicht haben sie auch- die sie im Übrigen oft keine Mediziner waren - mit einem gewissen Grausen beobachtet, wie Esdaile an hypnotisierten Leuten Operationen vornahm.
Fälle von Betrug: Es gab sie tatsächlich
Es gab Betrug. Es gab massiven Betrug - und die Betrüger gingen raffiniert vor.
Wie sie vorgegangen sind, können Sie nachlesen im Journal du Magnétisme, 1852, S. 223.
Da geht es um fingierte Gedankenübertragung - und Sie werden es bestätigen können:
Die Täter gingen wirklich raffiniert vor.
Gegen Betrug: rigorose Untersuchungsmethoden
Wer sich zum ersten Mal mit der Hypnose im 19. Jahrhundert beschäftigt, kommt aus dem Staunen nicht heraus:
Die Wissenschafter, die damals am Werk waren, klopften die Ergebnisse ihrer Untersuchungen rigoros auf ihre Richtigkeit ab.
Und sie wandten Kontrollmechanismen an, die man heute kaum mehr verwenden würde ...
Sie fesselten beispielsweise ihre Versuchspersonen.
Oder sie verabreichten ihnen ein Brechmittel - damit wollten sie verhindern, dass die Versuchspersonen unzulässige Gegenstände in die Untersuchungslabore schmuggelten.
Männer der Wissenschaft: Doch wo sind die Frauen?
Die Beschäftigung mit dem Übersinnlichem war übrigens im 19. Jahrhundert keineswegs ein Thema für Aussenseiter.
Mit diesem Thema setzte sich Leute auseinander, die der offiziellen und normalen Wissenschaft angehörten: Es waren Männer, die an Universitäten promoviert hatten und die zum Teil auch an Universitäten lehrten.
Aber es waren Männer - Frauen kommen äusserst selten vor. Unter all den Artikel und Bücher, die ich gelesen habe, stammt eine Arbeit von einer Frau - Anna Blackwell, Journal du Magnétisme, 1853, S. 199.
Frauen kommen durchaus auch vor - aber immer in der Rolle von Versuchspersonen, die hypnotisiert, beobachtet und oft auch in einer absolut unethischen Art behandelt wurden.
Dr. Esdaile und die Frage: Wann wird eine medizinische Tatsache als medizinische Tatsache anerkannt?
Eigentlich machte Esdaile alles richtig.
Er führte Operationen durch.
Er dokumentierte seine Operationen.
Er lud Zeugen ein, die den Operationsverlauf und das Operationsergebnis bestätigten.
Ergebnis seiner Operationen war eine wissenschaftliche Tatsache.
Die Tatsache war die:
,Kranke Menschen lassen sich in einen Zustand bringen, in dem sie operiert werden können - ohne dass sie dabei Schmerzen empfinden.'
Man könnte meinen, dass sich alle, die in der Medizin tätig waren, darüber freuten.
Denn diese medizinische Tatsache zeigte einen Weg auf, wie sich die Medizin von einer Geisel befreien konnte - von der Geisel der Schmerzen, die alle Operationen begleitete und die unsägliches Leid über die kranken Menschen brachte.
Doch es kam anders.
Man glaube ja nicht, dass die wissenschaftliche Tatsache freudig begrüsst wurde.
Oder dass Esdaile mit Komplimenten überschüttet wurde.
Im Gegenteil.
Es gab allerlei Widerstand.
Widerstand kam von jenen Ärzten, die felsenfest davon überzeugt waren, dass Schmerzen etwas Gutes sind: Schmerzen sind ein wunderbares Mittel der Natur, welches zum Heilungsprozess beiträgt - es geht nicht an, sie aus dem Operationssaal zu entfernen.
Widerstand kam von jenen Leuten, die der Überzeugung waren, dass es schmerzfreie Operationen gar nicht geben kann: Schmerzfreie Operationen waren für diese Leute so unmöglich wie ein Dreieck mit vier Ecken.
Man unterhielt sich, so berichtet Esdaile, und jemand warf den Begriff der ,schmerzfreien Operationen' auf - was allenthalben als guter Witz empfunden wurde...
Dann gab es eine Gruppe von Leuten, die sämtliche Berichte über schmerzfreie Operationen als Fakenachrichten abtaten:
Die Patienten, die angeblich ohne Schmerzen operiert worden waren, hätten nur so getan, wie wenn kein Schmerz vorhanden gewesen wäre - ein Argument, das Esdaile schier verzweifeln liess: Wie um alles in der Welt sollte jemand bei einer Amputation so tun können, wie wenn dies alles ohne Schmerz ablaufen würde?
Das Goldene Zeitalter der Hypnose: ethische Fragen
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